Sei du meine Stärke
Francke-Buch (Verlag)
978-3-96362-121-5 (ISBN)
In enger Anlehnung an die biblischen Berichte erzählt Lynn Austin von mutigen Menschen wie Königin Abi und dem Propheten Jesaja, die sich in schwierigen Zeiten von Gott gebrauchen lassen.
Lynn Austin ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Holland, Michigan. Ihre zahlreichen Romane sind allesamt Bestseller und mit unzähligen Preisen ausgezeichnet worden. In Deutschland gilt sie als die beliebteste christliche Romanautorin.
Kapitel 1 Das Geräusch von Stimmen und trampelnden Füßen weckte ihn. Mit klopfendem Herzen setzte Hiskia sich im Bett auf und zum ersten Mal in seinem kurzen Leben hatte er entsetzliche Angst. Über Nacht war seine sichere, ruhige Welt im Palast des Königs verschwunden und er lauschte mit wachsender Panik, während der Trubel auf dem Gang vor seinem Zimmer lauter wurde und näher kam. Männerstimmen riefen Befehle. Türen öffneten und schlossen sich. Kinder schrien vor Angst. Er blickte zu seinem großen Bruder Eliab im Nachbarbett hi-nüber und sah, dass auch er wach war. Hiskia kletterte aus seinem Bett und kroch zu ihm unter die Decke. »Eliab«, flüsterte er, »was ist denn da draußen los? Wer ist das?« Eliab schüttelte den Kopf und klammerte sich an die Bettdecke. »I-ich weiß nicht.« Im Dunkeln lagen sie aneinandergekauert, starrten auf die Tür und warteten. In der Ferne warnte der klagende Ruf eines Schofars die schlafende Stadt Jerusalem, während die Schritte über den Gang polterten und sich Hiskias Zimmer näherten. »Ich habe Angst«, sagte er und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. »Ich will zu Mama.« Plötzlich ging die Tür auf und Soldaten, mit Schwertern und Speeren bewaffnet, kamen hereingestürmt und zogen Hiskia und Eliab aus dem Bett. Hiskia konnte nichts tun, um sie daran zu hindern. Sein Körper erstarrte vor Angst, als sie ihm das Nachthemd auszogen und ein weißes Leinengewand über den Kopf streiften. Die Hände der Soldaten fühlten sich kalt und rau an, als sie ihn ankleideten und die Riemen seiner Sandalen schnürten. Die Palastdiener behandelten ihn immer sanft. Sie lächelten und erfanden kleine Spiele, während sie ihm dabei halfen, sich anzuziehen. Aber keiner der Soldaten sagte etwas und ihr kaltes Schweigen jagte ihm Angst und Schrecken ein. Eliab kleideten sie genauso ein und dann wurden sie beide aus dem Zimmer geschoben. Auf dem Flur drängten sich noch mehr Soldaten und ein Dutzend Priester in wallenden Gewändern. In dem flackernden Schein der Fackeln sah Hiskia seine Halbbrüder in den gleichen weißen Kleidern, wie sie auf dem Boden kauerten und leise wimmerten. Sein Onkel Maasea überragte sie mit einem Schwert in der Hand. »Das sind alle Söhne des Königs«, sagte er zu den Priestern. »Fangen wir an, meine Truppen haben noch einen langen Marsch vor sich.« »Alles ist bereitet, Herr«, erwiderte einer der Priester. Aber bevor einer von ihnen die Chance hatte, sich zu rühren, hörte Hiskia seine Mutter rufen, während sie vom Harem des Königs über den Gang lief. »Nein, wartet! Halt!« Sie war barfuß und schlang ihr Obergewand beim Laufen um sich. Ihr dunkles Haar fiel ihr ungekämmt über die Schultern. Hiskia versuchte sich loszureißen, um zu ihr zu laufen, aber ein Soldat hielt ihn zurück. »Was macht ihr da?«, schrie sie. »Wohin bringt ihr meine Söhne?« »König Ahas bringt ein besonderes Opfer dar, bevor die Armee losmarschiert«, sagte Onkel Maasea. »Unsere Grenze im Norden ist angegriffen worden.« »Und was hat das mit meinen Kindern zu tun? Sie sind doch noch so klein.« Fröstelnd zog sie ihr Gewand fester um sich. »Ahas will, dass alle seine Söhne daran teilnehmen.« Onkel Maasea gab seinen Soldaten ein Zeichen und schnell traten sie in den Gang und versperrten ihr den Weg. Aber vorher sah Hiskia, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. »Nein! Wartet!«, rief sie. »Was für ein Opfer?« Onkel Maasea kehrte ihr den Rücken und gab seinen Männern erneut ein Zeichen. »Los, gehen wir.« Hiskias Mutter fing an zu kreischen und das Geräusch erfüllte ihn mit Schrecken. Er konnte hören, wie sie verzweifelt versuchte, sich an den Männern vorbeizuschieben und zu Eliab und ihm zu kommen, aber die Soldaten hielten sie auf. »Mama!«, schrie Hiskia. »Ich will zu Mama!« Er versuchte zu ihr zu gelangen, aber einer der Männer hob ihn hoch, als wäre er leicht wie eine Feder. Hiskia wollte sich wehren, aber vor Schrecken war er ganz starr und der Soldat, der ihn festhielt, war viel zu stark. Die Schreie seiner Mutter verklangen hinter ihnen, als die Soldaten Hiskia durch das Labyrinth an Korridoren und Treppen in den Hof des Palasts trugen. Draußen wurde der Himmel langsam hell, während die Sonne hinter den Hügeln Judas aufging. Eine riesige wartende Menschenmenge stand im Hof des Palasts und ergoss sich bis auf die Straße vor dem Tor. Ein scharfer Wind schlug Hiskias Tunika gegen seine Beine, als der Soldat ihn auf dem Boden absetzte. Der dünne Stoff bot keinen Schutz gegen die morgendliche Kühle und Hiskia fröstelte vor Kälte und Angst. Noch nie hatte er so viele Soldaten gesehen. In gleichmäßigen Reihen und mit glänzenden Schwertern standen sie vor seinem Vater, dem König. König Ahas trug die Krone Judas auf dem Kopf und die königliche Robe, die mit dem Symbol des Hauses David bestickt war. Er war ein großer Mann mit einem runden Bauch und seine Stimme klang immer laut und wütend. Jeder im Palast kuschte vor ihm und Hiskia hatte ihn ebenfalls fürchten gelernt. Er konnte sich nicht denken, warum sein Vater befohlen hatte, ihn und seine Brüder im Morgengrauen aus den Betten zu holen und zu all diesen Soldaten zu stellen. Während Hiskia frierend in dem windigen Hof stand, erfüllten ihn die Anspannung, die in der Luft lag, und der ernste Ausdruck auf allen Gesichtern mit Furcht. Die Versammlung begann zu marschieren, angeführt von König Ahas und Onkel Maasea. Die Ältesten und Adligen der Stadt folgten dicht dahinter, dann setzten sich auch die Soldaten und Priester in Bewegung. Einer der Soldaten packte Hiskias Schulter und stieß ihn mit all den anderen jungen Prinzen von Juda vorwärts. Aber anstatt den steilen Hügel hinter dem Palast zu Jahwes Tempel hinaufzugehen, wo der König für gewöhnlich seine Opfer darbrachte, wand die Prozession sich den Hang hinunter durch die schmalen Gassen der Stadt. Sie kamen an den geräumigen Häusern aus Naturstein vorbei, in denen die Adligen wohnten, dann marschierten sie über den Marktplatz, der jetzt leer und verlassen war, die Stände verschlossen, die bunten Markisen für die Nacht eingerollt. Hiskia sah, wie die Menschen der Prozession von ihren Dächern aus zusahen oder hinter Fensterläden hervorlugten. Als die Straßen enger wurden, wurde er zwischen den Soldaten eingequetscht und ihre Schwerter pressten sich an Hiskias Seite. Wohin brachten sie ihn? Was würde mit ihm geschehen? Zweimal stolperte er, weil er eine Stufe in der Straße übersah, aber die Soldaten packten schnell seine Arme und zogen ihn wieder auf die Füße. Endlich erreichten sie das riesige Tor in der südlichen Mauer von Jerusalem und verließen die Stadt über die Rampe. Nach und nach wurde die stille Morgendämmerung von Trommelschlägen zerrissen, die in der Ferne ertönten. Hiskia sah eine zerklüftete Felswand mit hohen Klippen, die dunkel und bedrohlich den Eingang zum Hinnomtal bewachte. Als die Prozession in das schmale Tal einbog, erspähte er eine Rauchsäule, die vor ihm hoch in die Luft aufstieg und vom Wind fortgeweht wurde. Die Priester, die neben Hiskia liefen, begannen zu singen: »Moloch ... Moloch ... Moloch.« Die Männer in der Prozession stimmten ein, immer lauter im Takt der Trommeln. »MOLOCH ... MOLOCH ... MOLOCH!« Plötzlich teilte sich die Wand aus Soldaten und Hiskia erhaschte einen ersten Blick auf Moloch. Er wusste, dass er nicht träumte. Er wusste, dass das Ungeheuer echt war, denn etwas so Schreckliches hätte er sich niemals ausdenken können. Moloch starrte ihn von einem Thron aus Messing an, während das Feuer in der Grube unter der hohlen Statue brüllend loderte. Feuerzungen leckten an den Rändern seines offenen Mundes. Seine Arme, die ausgestreckt waren, als warteten sie nur darauf, gefüllt zu werden, bildeten eine steile Schräge, die in seinem geöffnet wartenden Mund endete. Sein Instinkt sagte Hiskia laut und deutlich, dass er fliehen musste, aber seine Beine gaben unter ihm nach, als wären sie aus Wasser. Er konnte sich nicht rühren. Einer der Soldaten hob ihn hoch und trug ihn die Stufen zu dem Podest hinauf, das vor den ausgestreckten Armen des Ungeheuers errichtet worden war. »MOLOCH ... MOLOCH ... MOLOCH ...«, rief die Menge im dröhnenden Rhythmus der Trommeln. Hiskias Herz hämmerte in seinen Ohren, während er sich an seinen Bruder Eliab klammerte. Der aufsteigende Rauch ließ seine Augen tränen. Die Hitze verbrannte sein Gesicht. Der Hohepriester wandte sich mit erhobenen Armen zu Moloch um und flehte den Gott mit einem wilden Schrei an, aber die skandierende Menge und der Lärm der Flammen übertönten seine Worte. Als sein Gebet beendet war, ließ der Priester die Arme sinken und drehte sich um. Hiskia sah den kalten, entschlossenen Ausdruck in dem Gesicht des Mannes und versuchte zurückzuweichen, aber einer von Molochs Priestern packte ihn an den Armen. Er konnte nicht fliehen. »Welcher ist der Erstgeborene des Königs?«, fragte der Hohepriester. Onkel Maaseas Siegelring blitzte im Feuerschein auf, als er Eliab eine Hand auf den Kopf legte. »Dieser hier.« Der Priester packte Eliab und hob ihn hoch in die Luft. Entsetzt sah Hiskia zu, wie der Mann seinen Bruder in die wartenden Arme des Ungeheuers warf. Hiskia stieg ein schrecklicher Gestank in Nase und Kehle, wie er ihn noch nie zuvor gerochen hatte, und er musste würgen. Sein Magen drehte sich ihm um und er übergab sich, als wollte er auch die Erinnerung ausspeien. Aber der Albtraum endete nicht mit Eliabs Tod. Auch andere Adlige und städtische Beamte boten ihre Söhne dem Priester dar und er warf sie, einen nach dem anderen, in Molochs Arme. Hiskia kauerte auf dem Boden des Podests und vergrub das Gesicht in den Händen, um dem Anblick zu entgehen. Aber der Schrecken dieses Tages hatte sich in seine Seele eingegraben. Er fing an zu schreien ... und er war nicht sicher, ob er jemals wieder würde aufhören können. Endlich war Abis Sohn Hiskia eingeschlafen und sein kleiner Körper lag warm und schlaff in ihren Armen. Zum ersten Mal an diesem Tag lockerte sich sein verzweifelter Griff. Aber Abi umklammerte ihren Sohn unverändert, während sie am Fenster saß und in den Abendhimmel hinaussah. Eliab war tot. Ihr Sohn, ihr Erstgeborener, würde nie wiederkommen. Ihr Verstand weigerte sich, das zu begreifen, obwohl ihr Herz sich anfühlte, als hätte es ihr jemand aus dem Leib gerissen, sodass ihr Körper kalt und hohl zurückblieb. Abis Trauer überwältigte sie so sehr, dass sie wusste, der Schmerz würde nicht nachlassen, solange sie lebte. Ihr Sohn hätte nicht sterben dürfen. Sein Leben war ihm viel zu früh auf grausame Weise entrissen worden. Und sein eigener Vater war dafür verantwortlich. Er hatte ihn umgebracht. Ihre Arme schlossen sich beschützend um Hiskia. Sie würde nicht zulassen, dass er genauso starb wie Eliab. Sie würde ihn vor Ahas beschützen, um jeden Preis – aber wie? Sie hatte weder Waffen noch die Fertigkeit, sie zu benutzen. Abi hatte erraten, wohin die Soldaten ihre Kinder gebracht hatten und was mit Eliab geschehen würde, aber sie hatte nichts tun können, um ihn zu retten. Die Wachen hatten ihr Weinen und Flehen ignoriert und sie selbst dann noch festgehalten, als die Prozession längst aus dem Hof des Palasts gezogen war. Sie hatte Molochs Trommeln in der Ferne gehört, aber sie hatte sich nicht losreißen können, um ihrem Kind zu helfen. Als das Opfer vorüber war, war Eliab tot und Hiskia schrie und schrie, zu jung, um den Grund für die Schrecken, die er mit angesehen hatte, zu verstehen. Und Abi selbst verstand es auch nicht. Sie konnte sich nur an den Sohn klammern, der ihr geblieben war, und weinen, während sie ihm versprach, dass er sicher war, dass sie ihn beschützen würde. Aber sie wusste nicht, wie sie dieses Versprechen halten sollte. »Warum legst du ihn nicht hin, Herrin?«, fragte ihre Dienerin Deborah. »Du hältst ihn schon den ganzen Tag im Arm.« Einladend streckte Deborah die Arme aus, um ihr Hiskia abzunehmen, aber Abi drückte ihn nur noch fester an sich. »Nein – noch nicht. Ich muss ihn halten.« Abi sehnte sich danach, dass jemand sie hielt und tröstete, dass sie die liebevollen Arme eines Menschen um sich spürte. Aber das Einzige, was sie umgab, waren Steinmauern. Sie wurden von einem Feuer im Kohlenbecken und im Kamin gewärmt und waren mit Stickereien und Teppichen behängt, die den Anschein von Behaglichkeit und Wärme erweckten, aber Abi wusste, dass das alles nur Fassade war. Unter ihrer eleganten Oberfläche waren die Wände, genau wie ihr Leben, so kalt und hart wie Stein. »Bitte, Herrin Abi – du musst etwas essen«, flehte Deborah sie an. »Hier sind Früchte und etwas Brot.« Abi warf einen Blick auf den Teller und schüttelte dann den Kopf. »Ich will nichts essen.« Sie biss sich auf die Lippe und schmeckte das Salz der geweinten Tränen. Wie konnte sie essen, wenn ihr Leben zerbrochen war wie eine Schüssel, die jemand zu Boden geschleudert hatte? Sie würde nie wieder heil sein. »Wenn du dich zu Tode hungerst, bringt das Eliab auch nicht zurück, Herrin.« Als sie den Namen ihres Sohnes hörte, flossen Abi erneut die Tränen über die Wangen. »Oh, Eliab«, weinte sie. »Mein wunderbares Kind ...« Alles an ihrem Erstgeborenen war unvergesslich gewesen: das erste Mal, als sie gespürt hatte, wie er sich in ihrem Leib bewegte; das erste Mal, als sie ein Kind geboren und in ihren Armen gehalten hatte; seine ersten Schritte; seine ersten Worte. Ihr Sohn Eliab. Er war auch der Erstgeborene von König Ahas gewesen, der zukünftige König von Juda. Sein junges Leben war so voller Hoffnung und Verheißung gewesen. »Ich habe ihn nicht einmal zum Abschied geküsst ...« Sie beugte sich über Hiskia, um ihn zu küssen, und ihre Tränen fielen auf sein lockiges rotbraunes Haar. »Herrin, du solltest ihn jetzt in sein eigenes Bett legen«, sagte die Dienerin. »Du musst dich umziehen und dir die Haare kämmen.« Abi blickte an sich herunter. Das Kleid, das sie trug, hatte sie in ihrer Trauer zerrissen. Sie würde sich die Haare nicht kämmen und sie würde auch nicht baden oder Parfüm auflegen. Wie konnte sie das tun, wenn Eliab tot war? »Nein«, sagte sie leise. »Lass mich um meinen Sohn trauern.« »Aber du weißt doch, dass du nicht trauern darfst. Schließlich war Eliab nicht krank und ist deshalb gestorben oder …« »Ich will um meinen Sohn trauern!«, wiederholte sie. Aber es würde keine Klageweiber geben, die mit ihr trauerten, keine Begräbnisprozession und keine Gebete für den Toten, kein Grab, keinen Ort, wo ihr Kind begraben war. »Sein Tod war eine Ehre, Herrin – ein herrliches Opfer, das gefeiert werden sollte«, beharrte Deborah. Abi starrte sie ungläubig an. »Was für eine Mutter könnte denn den Tod ihres Kindes feiern? Und was für ein Vater würde sein eigenes Kind töten, um sich selbst zu retten? Nur ein Ungeheuer kann so etwas tun.« Sie sah, dass ihre Worte die Dienerin schockierten, aber das war ihr gleichgültig. Wieder blickte sie auf ihren schlafenden Sohn. »Und nur ein Ungeheuer würde seine anderen Kinder dazu zwingen, dabei zuzusehen.« »Sei lieber vorsichtig mit dem, was du sagst«, warnte Deborah im Flüsterton. »Dein Mann ist der König.« »Oh, das weiß ich nur zu gut«, erwiderte Abi verbittert. »Am Tag meiner Geburt wurde ich dem Hause König Davids versprochen. Mein ganzes Leben lang hat mein Vater mir gesagt, dass ich eines Tages einen König heiraten würde – als wäre das eine große Ehre.« Sie hielt inne und berührte ihr zerrissenes Gewand. »Aber sieh doch nur, welchen Preis ich für diese Ehre bezahlt habe. Mein Sohn ist tot. Und ich bin mit einem Mann verheiratet, den ich bis zu meinem Tode hassen werde.« »Sag so etwas nicht. Jemand könnte es hören und …« »Es ist mir gleichgültig! Ich hasse ihn! Und das wird sich niemals ändern.« »Das meinst du nicht ernst, Herrin Abi. Aus dir spricht nur der Kummer. Du führst hier im Palast ein privilegiertes Leben.« »Ich lebe wie eine königliche Gefangene.« Ihre Gemächer im Harem gehörten zu den schönsten Räumen im ganzen Palast, mit hohen Fenstern auf der einen Seite, die auf den Hof hinausgingen, und einem Balkon auf der anderen Seite, von dem aus man einen herrlichen Blick über die Stadt hatte. Jeder Einrichtungsgegenstand war exquisit: Die Tische und Leuchter waren mit Elfenbein und Gold verziert, die Liegen kunstvoll geschnitzt und herrlich gepolstert. Wunderschöne Textilbehänge zierten die Wände und ihr Bett war parfümiert und mit Seidentüchern bedeckt. Aber der Prunk und Luxus galten nicht ihr, sondern dem König. Und wie Blattgold auf faulendem Holz konnte der Zierrat nichts daran ändern, dass Abi unglücklich war. Sie hatte ihr Schicksal nie hinterfragt, hatte nie eigene Hoffnungen oder Träume gehabt. Warum sollte sie träumen, wenn ihr Leben doch von Geburt an vorherbestimmt war und keine Möglichkeit bestand, dass es anders verlaufen würde? Ihr Vater Secharja hatte sie dem Haus David versprochen und ihr Leben hatte seinen ordnungsgemäßen Gang auf dieses Ziel hin genommen, wie Sterne, die in ihrer vorherbestimmten Bahn über den Himmel ziehen. Ihre Vermählung mit Ahas hatte dem Zweck gedient, für den sie geboren war; Eliabs Geburt hatte diesen Zweck erfüllt. Abi erinnerte sich daran, wie froh sie gewesen war, von zu Hause wegzukommen. Sie hatte sich danach gesehnt, der Melancholie ihres Vaters zu entfliehen, weil sie nicht mehr mit ansehen konnte, wie er sich jeden Abend besinnungslos betrank, während ihre Mutter versuchte, sein Geheimnis zu wahren. Am Tag war es ihm irgendwie gelungen, seine Arbeit zu machen – im Tempel zu dienen, mit seinem unglaublichen Wissen über die Tora Schüler zu unterrichten, die komplexen Zusammenhänge von Jahwes Gesetz zu diskutieren. Er hatte seine Trunkenheit so gut verborgen, dass nur wenige Menschen jemals erraten hatten, wie sein Leben nach dem Tod von König Usija zerbrochen war. Abi war erleichtert gewesen, als sie ihr Elternhaus hatte verlassen können und in den Palast gezogen war. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, dass sie einen Götzendiener geheiratet hatte. Oder dass er eines Tages ihren Sohn opfern würde. »Ich wünschte, ich hätte Ahas niemals geheiratet«, murmelte Abi. »Ich wünschte ...« Sie hielt inne, weil sie Angst hatte, ihren Wunsch laut auszusprechen. Aber sie wusste, dass ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie Uria geheiratet hätte. Der Hohepriester in Jahwes Tempel hätte niemals seinen erstgeborenen Sohn Moloch geopfert. Uria war eine feste Größe in ihrem Leben gewesen, als sie jung war; der klügste Schüler ihres Vaters, der für eine Zukunft als Hoherpriester ausgebildet wurde. Wenn sie jetzt an ihn dachte, wurde ihr bewusst, dass Uria sie immer geliebt, ihr immer zärtliche Gefühle entgegengebracht hatte. Sie hatte diese Liebe für selbstverständlich gehalten und gedacht, dass Ahas sie ebenso ansehen würde. Aber König Ahas hatte nie etwas anderes als Lust für sie übrig gehabt. Schon bald, nachdem sie ihr Trauversprechen gegeben hatten, war ihr klar geworden, dass sie nicht auf Liebe oder Freundschaft hoffen konnte. Sie war der Besitz von Ahas, den er zu seinem Vergnügen benutzen konnte und dazu, einen Erben zu bekommen – sonst nichts. Ihre Söhne waren ihr ganzes Leben geworden. »Meine Kinder sind aus meinem Leib geboren, Deborah – aus Schmerz, Blut und Tränen. Als sie mir Eliab entrissen haben, haben sie auch ein Stück von mir herausgerissen. Und ich konnte sie nicht aufhalten. Mein Gatte hat beschlossen, meinen Sohn zu töten, und es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. Aber ich werde nicht zulassen, dass er Hiskia auch noch bekommt«, sagte sie und drückte den Jungen noch fester an sich. »Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn beschützen werde. Eher sterbe ich, als dass ich dieses Versprechen nicht halte.« Die Dienerin kniete vor ihr auf dem Boden nieder und flehte sie an. »Bitte tu nichts, was du später bereuen wirst, Herrin.« »Ich bereue schon jetzt, dass ich mir mein ganzes Leben lang von anderen habe sagen lassen, was ich denken und fühlen soll. Es ist Zeit, dass ich selbst Entscheidungen treffe.« Sie wandte sich zum Fenster, um hinauszusehen, aber die Nacht war hereingebrochen und mit ihr kamen Dunkelheit und Angst. Für Abi würde diese Nacht nie enden, selbst wenn die Sonne am nächsten Morgen wieder aufging – es sei denn, sie fand einen Weg, ihr Kind zu beschützen. Deborah berührte ihre Hand. »Du musst dich umziehen, Herrin«, sagte sie sanft. »Der König darf dich nicht in Trauer sehen. Was ist, wenn er heute in deine Kammer kommt?« Dann würde Abi ihn umbringen. Sie hasste ihn genug, um das zu tun. Wenn Ahas heute Nacht zu ihr kam, würde sie ein Messer nehmen und sein Herz damit durchbohren. Er sollte etwas von dem Schmerz fühlen, den sie empfand. Aber auch wenn sie sich das wünschte, wusste Abi, dass es dumm wäre, so etwas zu tun. Wenn sie den König tötete, würde sie ihr Leben verlieren, und was sollte dann aus Hiskia werden? »Vielleicht kann ich Ahas dazu bringen, dass er mich ebenso sehr hasst, wie ich ihn«, murmelte sie. »Vielleicht verbannt er meinen Sohn und mich dann.« »Nein«, sagte Deborah. »Der König würde dich bestrafen, indem er dir deinen Sohn wegnimmt. Du würdest ihn nie wiedersehen.« Abi wusste, dass Deborah recht hatte. Und wenn Ahas ihr Hiskia wegnahm, hätte Abi keinen Grund mehr, weiterzuleben. »Lass mich dein Haar kämmen«, bat Deborah, »und dir beim Umkleiden helfen. Wenn König Ahas heute Nacht kommt ...« Bei der Vorstellung, mit Ahas zu schlafen, nachdem er Eliab ermordet hatte, wehrte sich alles in ihr. Aber dann kam ihr ein anderer Gedanke. Anstatt sich den Hass von Ahas zuzuziehen, sollte sie vielleicht versuchen, seine Liebe zu gewinnen. Wenn ihre einzigen Waffen ihre Schönheit und Attraktivität waren, dann sollte sie diese vielleicht benutzen, um das Vertrauen ihres Mannes zu erlangen und seine Entscheidungen zu beeinflussen. Vielleicht war das der einzige Weg, Hiskia vor ihm zu beschützen. Aber wie sollte sie so tun, als liebe sie Ahas, wenn sie ihn doch so abgrundtief hasste? Hiskia bewegte sich im Schlaf, als ein Schluchzer seinen Körper schüttelte. Abi sah ihn besorgt an und wiegte ihn sanft hin und her. Er war alles, was ihr blieb. Eliab war tot. Und Abi hatte Hiskia versprochen, dass sie alles tun würde, um sein Leben zu retten. Wenn das bedeutete, dass sie Liebe für einen Mann vortäuschen musste, den sie hasste, dann würde sie es tun – um Hiskias willen. »Also gut, Deborah«, sagte sie leise. »Ich ziehe mir jetzt ein anderes Gewand an. Und du kannst mir die Haare kämmen.« Mit trübem Blick starrte Secharja auf den leeren Weinschlauch. Er hatte den gesamten Inhalt getrunken, um zu vergessen, aber er hatte nicht vergessen. Lebhafte Bilder vom Opfer für Moloch liefen immer wieder vor seinem geistigen Auge ab und jedes Mal endeten sie gleich. Unschuldige Kinder verbrannten in den Flammen und Secharja tat nichts, um das Ganze aufzuhalten. Er stand nur da und sah dem grausigen Treiben zu. Er versuchte nicht einmal, den König daran zu hindern, dass er seinen erstgeborenen Sohn opferte. Secharja war an diesem Morgen vom Klang des Schofars geweckt worden und der Prozession zum Hinnomtal gefolgt. Aber während er dabei zugesehen hatte, wie der König und die Ältesten der Stadt ihre Kinder dem Moloch opferten, hatte die Feigheit seine Glieder gelähmt und seine Lippen verschlossen. Er kannte Gottes Gesetz. Schließlich war er Levit. Es lag in seiner Verantwortung, den König und das ganze Volk dieses Gesetz zu lehren. Als das Massaker schließlich geendet hatte, war er ganz benommen in die Stadt zurückgegangen und in dieses Gasthaus gestolpert, wo er in der vertrauten, betäubenden Macht des Weines Zuflucht gesucht hatte. Aber selbst wenn er einen ganzen Tank voller Wein geleert hätte, könnte er niemals die Erinnerung daran auslöschen, wie diese Kinder – sein eigener Enkel Eliab – in das Feuer des Götzen geworfen wurden. Und Secharja hatte nichts unternommen, um ihn zu retten. Er vergrub das Gesicht in seinen zitternden Händen, aber das Bild wollte nicht weichen. Warum hatte Gottes Urteil nicht ihn getroffen? Er war doch der Schuldige. Er war derjenige, der bestraft werden sollte, nicht ein unschuldiges Kind – nicht sein eigen Fleisch und Blut. Die Nacht brach herein, die Gäste kamen und gingen, aber Secharja ignorierte den Lärm und die Fröhlichkeit um ihn herum. Niemand schien ihn zu bemerken, er war ganz allein mit seinem Wein und seinen Qualen. Allmählich leerte sich das Wirtshaus, die anderen Nachtschwärmer gingen einer nach dem andern nach Hause. Nur Secharja blieb. Er hatte versucht, sich besinnungslos zu trinken, aber die Bilder waren nur deutlicher geworden, nicht blasser. Jetzt hatte er Angst, sich zu rühren. Er konnte nicht in der Zeit zurückgehen und die Fehler, die er in seinem Leben zu verantworten hatte, ungeschehen machen, und er wollte seine Schuld nicht noch vergrößern. Deshalb saß er da und wünschte, er wäre an Eliabs Stelle gestorben. »Secharja ... Secharja, mein Freund.« Er blickte auf und sah, dass sein Freund Hilkija ihm eine Hand hinhielt, seine Augen voller Mitleid. »Komm mit, Secharja – der Wirt will schließen. Er hat mich gebeten, dich nach Hause zu bringen.« Hilkija sagte nicht wieder einmal, aber das hätte er tun können. Wie oft hatte der Wirt nach Secharjas einzigem Freund Hilkija geschickt – Nacht um Nacht, Jahr um Jahr? Unzählige Male. Secharja ließ den Kopf sinken, bis seine Stirn auf dem Tisch lag. »Lass mich hier«, stöhnte er. »Du weißt, dass das nicht geht. Du musst nach Hause gehen.« Hilkija packte ihn unter den Armen und ächzte, während er sich mühte, seinen Freund hochzuziehen. Der Händler war klein und untersetzt und ihm fehlte die Kraft, um Secharja auf die Füße zu ziehen. Aber versuchen würde er es trotzdem. Secharja stützte die Handflächen auf die Tischplatte und richtete sich mühsam auf. Der ganze Raum drehte sich. »Vorsicht«, riet Hilkija. »Mach langsam ...« Secharja sah, wie Hilkija einen kleinen Stapel Silber auf den Tisch legte und dem Wirt zunickte. Dann legte er einen Arm um Secharjas Taille und führte ihn zur Tür. Draußen waren eine schmale Mondsichel und einige blasse Sterne die einzige Lichtquelle. Die Straßen lagen in stillem Dunkel, als Hilkija ihn durch den Marktbereich führte und den Hügel hinaufzog. Die quadratischen Steinhäuser waren dicht neben- und übereinander gebaut, sodass man von der Tür des einen auf das Dach des anderen hinuntersah. Die Häuser, die aus dem einheimischen beigefarbenen Sandstein erbaut waren, wirkten im Mondschein wie vergoldet. Secharja lehnte sich schwer auf seinen Freund, während sie sich den Hügel hinaufschleppten, obwohl Hilkijas kahl werdender Kopf kaum bis an Secharjas Schultern reichte. »Warum tust du dir das an?«, fragte Hilkija freundlich. »Du bist ein Diener Jahwes – gepriesen sei sein Name.« Secharja blieb stehen und versuchte, Hilkijas Worte zu begreifen. Warum war er ein wankender Trinker geworden? Er war Diener in Jahwes Tempel, er trug heilige Gewänder, brachte heilige Opfer dar. Er war ... dann verschwand mit einem Mal das Bild von sich selbst als Levit, so als hätte eine Wolke sich vor den Mond geschoben. Er stöhnte leise. »Was ist mit mir geschehen? Ich war ein Mann Gottes, aber jetzt ... jetzt ...« Er dachte daran, wie er früher gelebt hatte und wie er jetzt lebte, und die Kluft zwischen beiden schien so weit und tief, dass er sich fragte, wie er sie jemals überquert hatte. Und er konnte sich auch nicht vorstellen, wie er wieder hinübergelangen und erneut ein Mann Gottes werden sollte. In seiner Verzweiflung senkte er den Kopf und zog an seinem Bart. »Es steht mir nicht zu weiterzuleben. Ich habe den Tod verdient!« Seine Stimme hallte durch die stillen Straßen. Secharja wartete und hoffte, Gott würde ihn niederstrecken, um ihn für seine Sünden zu bestrafen, aber nichts geschah. »Warum bestraft Gott nicht mich, Hilkija? Warum müssen stattdessen kleine Kinder sterben? Ich bin es, der den Tod verdient hat!« Ein Hund fing an zu bellen und in einem nahe gelegenen Fenster entzündete jemand eine Lampe. Hilkija zog ihn weiter. »Komm. Du weckst noch die ganze Stadt auf. Du musst nach Hause.« »Ich habe im Tempel Salomos gedient«, sagte Secharja, als sie sich wieder in Bewegung setzten. »Ja, ich weiß, mein Freund. Komm weiter.« »Ich bin Levit. Ich kann alle meine Vorfahren bis zu Levi aufzählen, dem Sohn Jakobs.« »Nicht heute Abend«, erwiderte Hilkija und tätschelte seine Schulter. »Es ist schon spät. Vielleicht ein anderes Mal.« »Ich war der oberste aller Leviten ... ich habe Jahwes heiliges Gesetz gelehrt ...« Plötzlich hatte er das Bedürfnis, über sein früheres Leben zu sprechen, als könnte ihm das helfen herauszufinden, wie er die Kluft zu dieser anderen Welt überschritten hatte, in der Könige einem Götzen unschuldige Kinder opferten. »Gott hat mir schon in ganz jungen Jahren Weisheit und Erkenntnis geschenkt«, redete er weiter, »und deshalb hat König Usija nach mir geschickt, als er Gottes Gesetz kennenlernen wollte. Nach mir! Ich habe ihn gelehrt, Jahwe zu fürchten und ...« Er stolperte über einen losen Stein in der Straße und verlor den Faden seines Gedankengangs. Die Nacht war wieder still, abgesehen von dem Keuchen der beiden, als sie weiter den Berg hinaufstiegen. Die Häuser wurden größer und imposanter, je höher sie kamen, und Secharja erinnerte sich daran, dass eines der größten Häuser Hilkija gehörte. Seine Familie lieferte schon seit vielen Generationen reich bestickte Tuche für die königliche Familie und das feine Leinen für die Tempelgewänder. Aber Hilkija schob ihn an seinem eigenen Haus vorbei und ging mit ihm weiter hinauf, bis sie das Tor zum Palast von Ahas erreichten. Nur der Tempel Jahwes oben auf dem Berg stand höher als der Palast. Secharja blieb stehen, um zu verschnaufen. Er erinnerte sich an die Zeit, als er in diesem Palast gelebt hatte. Damals war er ein wichtiger Mann gewesen, ein Mann mit Macht und Autorität. Wie viele Jahre war das jetzt her? Er hatte einmal ein ganzes Volk geführt, als rechte Hand von König Usija. »Meine Tochter ist mit dem König verheiratet«, sagte er plötzlich. »Ja. Ja, ich weiß.« Hilkija versuchte, selbst zu Atem zu kommen. »König Usija hat mir gesagt – ja, versprochen –, wenn ich jemals eine Tochter hätte, würde sie in das königliche Haus Davids einheiraten. Kannst du dir das vorstellen? Schon bevor meine Tochter geboren wurde, war sie ...« Secharja verstummte. Seine Tochter war die Mutter von Eliab. Und Eliab war verbrannt. Und das alles war Secharjas Schuld. »Jahwe, es tut mir so leid!«, stöhnte er. »Oh, Eliab, mein Junge ... es tut mir leid!« Er versuchte, auf die Knie zu sinken, aber Hilkija zog ihn wieder hoch. »Nein, nein, mein Freund. Steh auf. Komm!« Er beharrte darauf, dass Secharja in Bewegung blieb, indem er ihn vom Palast fortzog, weiter den Berg hinauf, aber die Erinnerungen folgten ihm. »Ich habe Gott den Rücken gekehrt«, sagte Secharja entsetzt. »Langsam, allmählich ... mit jedem Jahr etwas mehr. Ich habe am Tisch des Königs gespeist, seinen Wein getrunken, all die Schmeicheleien gehört ... nach und nach ... bis irgendwann ...« Er schüttelte den Kopf. »Bis Gott mir irgendwann fremd geworden ist.« So hatte er die Kluft überquert. Jetzt erinnerte Secharja sich. Nicht mit einem großen Sprung, sondern so allmählich, dass er nicht bemerkt hatte, wie er immer tiefer gerutscht war. Ihm war erst dann bewusst geworden, wie weit er sich von Gott entfernt hatte, als es längst zu spät war. Statt Gott gefallen zu wollen, hatte er all die Jahre zu seinem eigenen Wohl gelebt und der Dienst an Gottes heiligen Gesetzen war kaum mehr als ein Lippenbekenntnis gewesen. Und wenn Secharja jetzt zu Gott rief, verschluckten seine zahlreichen Sünden seine Gebete, bevor sie den Himmel überhaupt erreichten. Die Schuld, die er auf sich geladen hatte, füllte die gähnende Kluft zwischen ihm und Gott. »Es tut mir wirklich leid ...«, stöhnte er. »Schhh ... schhh ...«, beruhigte der kleine Händler ihn. »Jetzt lass das mal. Du bist fast zu Hause, mein Freund. Siehst du? Dort ist der Tempel.« »Lass mich gehen, Hilkija. Ich kenne den Weg.« Der Mann an seiner Seite schnalzte mit der Zunge. »Ich soll dich zurücklassen? Niemals würdest du es allein nach Hause schaffen. Komm.« Sie gingen durch das Tor zum Tempel und überquerten den großen menschenleeren Hof. Jahwes Tempel ragte über ihnen auf und die weißen Steine leuchteten im Mondschein. Erneut blieb Secharja stehen, als eine andere Erinnerung mit erschreckender Wucht in ihm aufstieg. König Usija hatte den Tempel betreten wollen, diesen heiligen Ort, den nur die Nachfahren Levis betreten durften. »Die Könige anderer Völker brauchen keine Priester, um ihre Opfer darzubringen«, hatte Usija gesagt. »Warum sollte ich sie brauchen?« Secharja schloss die Augen, als er sich an Usijas Arroganz erinnerte und voller Scham auch daran, dass er nichts getan hatte. Er hätte wissen müssen, was er dem König zu sagen hatte. Er war des Königs vertrauter Berater gewesen, ein Mann, der Gottes heiliges Gesetz lehrte. Aber er hatte Usija nichts entgegengehalten, hatte nicht versucht, ihn aufzuhalten. Stattdessen hatte er dem König erlaubt, ein Weihrauchfass zu nehmen und den heiligen Ort zu betreten, zu dem ihm der Zugang verboten war. Die Priester waren es gewesen, die sich dem König in den Weg gestellt und ihn angebrüllt hatten, während sie ihm befohlen hatten, das Heiligste zu verlassen. In seinem Stolz hatte Usija sich geweigert. Aber Jahwe sah ihn – und sein Urteil war schnell gefällt. Dort im heiligen Tempel legte Jahwe König Usija den Fluch des Aussatzes auf. Er floh aus dem Tempel, für den Rest seines Lebens ein Ausgestoßener. »Es war meine Schuld, dass Usija als Aussätziger gestorben ist«, murmelte Secharja. »Ich hätte ihm sagen müssen, dass er nicht hineingehen darf. Ich hätte ihn aufhalten müssen ...« »Das ist viele, viele Jahre her«, erwiderte Hilkija. »Jeder Mann in Juda hat von König Usijas schrecklichem Schicksal gehört – möge er in Frieden ruhen.« Er stieß Secharja an, bis dieser sich wieder in Bewegung setzte, und lenkte ihn in einem weiten Bogen an den äußeren Mauern des Tempelvorhofs entlang, fort vom Heiligtum. Endlich gelangten sie zu einer Gruppe von Gebäuden auf der Nordseite, in der sich die Lager-, die Versammlungs- und die Wohnräume für die diensthabenden Leviten befanden. Dort lebte Secharja, obwohl er nicht mehr Dienst tat. Er erinnerte sich daran, wie er mit seiner Frau und seiner Familie in einem Haus gelebt hatte, nachdem König Usija gestorben war – nachdem er den Palast hatte verlassen müssen. Aber in diesem Moment wusste er nicht mehr, was mit seinem Haus geschehen war und warum er nicht mehr dort wohnte. Hilkija führte ihn zu seiner Kammer und half ihm, sein Obergewand abzulegen. Dann setzte er ihn aufs Bett und schnürte ihm die Sandalen auf. Er drückte Secharjas Schulter ein wenig und sagte: »Jetzt schlaf etwas, mein Freund.« »König Usija ist tot«, murmelte Secharja. »Ja. Ja, das ist er.« Secharja erinnerte sich an das Begräbnis – unehrenhaft außerhalb der Gruft der Könige. »Sein Sohn Jotam ist auch tot und jetzt ist Ahas König, sein Enkel. Er ist mit meiner Tochter verheiratet. Wusstest du das?« Hilkija nickte. »Ja, das hast du mir schon oft erzählt. Und jetzt gute Nacht, mein Freund. Ich muss nach Hause.« Secharja klammerte sich an Hilkijas Arm und wollte ihn zurückhalten. »Deine Kinder, Hilkija! Wo sind deine Kinder?« »Mein Sohn Eljakim ist zu Hause«, erwiderte er und befreite sich ruhig aus Secharjas Griff. »Wahrscheinlich schläft er längst tief und fest.« Secharja musste seinen Freund dazu bringen, dass er begriff und nicht so dumm war, die gleichen Fehler zu machen wie er. »Du musst deinen Sohn gewissenhaft Gottes Gesetz lehren – und seine Kinder nach ihm auch«, flehte er. »Die Tora befiehlt es. Ich habe König Usija nicht richtig gelehrt und jetzt ... jetzt ist König Ahas schlimmer als alle anderen. An jeder Straßenecke hat er heidnische Altäre errichtet. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert ...« Aber diese Erinnerung war zu schmerzlich, selbst mit seinem vom Wein vernebelten Sinn konnte Secharja sie nicht ertragen. Er schlug die Hände vors Gesicht. »Das ist alles meine Schuld!« »Gott Abrahams, was soll ich tun?«, flüsterte Hilkija. »Jetzt habe ich eine Antwort für König Usija! Ich weiß jetzt, was ich ihm sagen sollte!«, rief Secharja. »Ich würde ihm sagen, dass Jahwe uns verboten hat, ihn so anzubeten, wie andere Völker ihre Götter anbeten, weil sie alle möglichen abscheulichen Dinge tun, die der Herr hasst. Sie verbrennen sogar ihre eigenen Söhne und Töchter im Feuer als Opfer für ihre Götter!« »Du musst dich ausruhen ...«, begann Hilkija, aber Secharja unterbrach ihn. »Heute bin ich der Prozession zum Hinnomtal gefolgt.« »Nein, Secharja ... du würdest nie an einem solchen ...« »Doch, das habe ich! Ich bin mitgegangen!« Er sah das Entsetzen seines Freundes, aber er zwang sich trotzdem, Hilkija seine Sünden zu beichten. »Ich habe dabei zugesehen, wie sie meinen Enkel Eliab einem heidnischen Gott geopfert haben, und ich habe mich daran erinnert, was in der Tora geschrieben steht: Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen. Eliab ist meinetwegen gestorben, Hilkija. Weil ich gesündigt habe!« Secharja ließ den Kopf auf seine Knie sinken und verbarg sein Gesicht voller Scham. »Strafe mich, Herr!«, flehte er. »Nicht meine Kinder. Lass mich für meine eigenen Sünden sterben. Lass mich sterben!« Er fühlte Hilkijas Hand auf seiner Schulter. »Wie kann ich dich jemals trösten, mein Freund?«, murmelte er. »Gott Abrahams ... wie soll er unter der Last einer solchen Schuld jemals Frieden finden?«
| Erscheinungsdatum | 10.01.2020 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Chroniken der Könige ; 1 |
| Übersetzer | Dorothee Dziewas |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Gods and Kings |
| Maße | 135 x 205 mm |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Altes Testament • Bibel • Bibelroman • Christlicher Roman • Geschichte • Gotteserfahrungen • Hiskia • Jesaja • Menschenopfer • Suche nach Gott |
| ISBN-10 | 3-96362-121-4 / 3963621214 |
| ISBN-13 | 978-3-96362-121-5 / 9783963621215 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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