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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe (eBook)

Band 3: Guermantes
eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
996 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-76742-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe -  Marcel Proust
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'Proust folgt den Wegen und Irrwegen des schwärmerisch verliebten und gesellschaftlich ambitiösen Romanhelden durch die Salons des Faubourg Saint-Germain und spürt sozusagen am eigenen Leib, daß es sich um vertane, vertrödelte Zeit handelt. Allerdings nicht für den Leser, bilden diese unnützen Jahre doch die eigentliche Substanz des Romans: raffinierte Schilderungen der mondänen Welt; satirische Charakterporträts von den Größen der adligen Gesellschaft; psychologische, soziologische und politische Betrachtungen - und dazu zwei Themen, deren Bedeutung weit über den engeren Kontext hinausreicht: der Tod der Großmutter und die vorerst nur andeutungsweise bezeichnete Homosexualität.'



<p>Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em> ist zu einem Mythos der Moderne geworden.</p> <p>Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem - nur vermeintlich müßigen - Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. <em>In Swanns Welt</em>, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, <em>Im Schatten junger Mädchenblüte</em>, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der <em>Suche nach der verlorenen Zeit</em> wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben.</p>

II


ERSTES KAPITEL


Krankheit meiner Großmutter. Krankheit Bergottes. Der Herzog und der Arzt. Niedergang meiner Großmutter. Ihr Tod.

Mitten durch die Menge der Spaziergänger hindurch gelangten wir wieder auf die andere Seite der Avenue Gabriel. Ich ließ meine Großmutter auf einer Bank warten und ging eine Droschke holen. Sie, in deren Seele ich mich immer bei der Beurteilung selbst der belanglosesten Person versetzt hatte, war mir jetzt verschlossen, sie war ein Teil der Welt außerhalb von mir geworden; mehr als jedem Vorübergehenden mußte ich ihr verschweigen, was ich von ihrem Zustand hielt, und meine Unruhe verbergen. Ich hätte mich ihr nicht freimütiger als irgendeiner fremden Person eröffnen können. Sie hatte mir soeben die Gedanken und Kümmernisse, die ich ihr seit meiner Kindheit für alle Zeiten anvertraut hatte, zurückgegeben. Sie war noch nicht tot. Ich war schon allein. Selbst ihre Anspielungen auf die Guermantes, auf Molière und auf unsere Gespräche über den kleinen Kreis hatten etwas Haltloses, Grundloses, Unwirkliches, denn sie kamen aus dem Nichts eben jenes Wesens, das morgen vielleicht nicht mehr existierte und für das sie keinen Sinn mehr hätten, aus jenem Nichts – unfähig, sie zu begreifen –, das meine Großmutter bald sein würde.

»Das mag schon sein, Monsieur, aber Sie sind bei mir nicht angemeldet, Sie haben keine Nummer. Überhaupt habe ich heute keine Sprechstunde. Sie haben doch gewiß Ihren Hausarzt. Ich kann mich nicht an seine Stelle setzen, es sei denn, daß er mich beizieht. Das ist eine Frage der Deontologie …«

In dem Augenblick, als ich eine Droschke heranwinkte, hatte ich den berühmten Professor E.1 getroffen, der mit meinem Vater und meinem Großvater befreundet oder zumindest gut bekannt war und in der Avenue Gabriel wohnte; einer plötzlichen Eingebung folgend hatte ich ihn in dem Augenblick angehalten, als er ins Haus treten wollte, denn ich dachte, er könne vielleicht meiner Großmutter einen guten Rat geben. Doch nachdem er sich seine Post hatte geben lassen, wollte er mich rasch loswerden, und ich konnte nur mit ihm reden, indem ich ihn im Fahrstuhl, bei dessen Bedienung er meine Hilfe ablehnte – eine Manie von ihm –, nach oben begleitete.

»Aber, Herr Professor, ich bitte Sie ja nicht, meine Großmutter zu empfangen; nach dem, was ich Ihnen sage, werden Sie ja auch begreifen, daß sie dazu schlecht in der Lage wäre; ich möchte Sie lediglich ersuchen, in einer halben Stunde bei uns vorbeikommen, bis dahin wird sie zu Hause sein.«

»Bei Ihnen vorbeikommen? Aber was glauben Sie denn! Ich speise heute abend beim Handelsminister und habe vorher noch einen Patienten zu besuchen, ich muß mich jetzt gleich umziehen; zu allem Unglück hat auch noch einer meiner beiden Fräcke einen Riß und der andere hat kein Knopfloch für die Orden. Ich bitte Sie, tun Sie mir den Gefallen und rühren Sie die Knöpfe im Fahrstuhl nicht an, Sie verstehen nicht damit umzugehen, man muß da vorsichtig sein. Dieses Knopfloch wird mich auch noch verspäten. Also gut, aus Freundschaft für die Ihrigen werde ich Ihre Großmutter ansehen, wenn sie jetzt sofort kommt. Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich nur eine knappe Viertelstunde für sie erübrigen kann.«

Ich hatte mich gleich wieder auf den Rückweg gemacht, ohne auch nur den Fahrstuhl zu verlassen, den Professor E. selbst nach unten in Gang gesetzt hatte, wobei er mir noch einen mißtrauischen Blick nachsandte.

Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiß, doch wenn wir das sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter, vager Ferne vor, wir denken nicht daran, daß sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnenen Tag haben und daß der Tod – oder sein erster partieller Zugriff, nach dem er uns nicht mehr loslassen wird – noch am gleichen Nachmittag erfolgen könnte, der uns so gar nicht ungewiß scheint, an diesem Nachmittag, für den der Gebrauch der Stunden bereits im voraus festgelegt ist. Man hält an seinem Spaziergang fest, um pro Monat die erforderliche Menge an frischer Luft zusammenzubekommen, man hat sich bei der Wahl des Mantels verweilt, den man mitnehmen will, oder des Kutschers, der geholt werden soll, man sitzt im Wagen, der Tag liegt ganz vor einem und erscheint nur deshalb kurz, weil man rechtzeitig wieder zu Hause sein möchte, um eine Freundin zu empfangen; man wünschte, es wäre morgen ebenso schön, und man ahnt nicht, daß der Tod, der auf einer anderen Ebene in uns wandelte, gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat: in ein paar Minuten, ungefähr dann, wenn der Wagen die Champs-Élysées erreicht haben wird. Vielleicht werden diejenigen, die üblicherweise vom Grauen vor der völligen Andersartigkeit des Todes heimgesucht werden, etwas Beruhigendes in dieser Art von Tod sehen – dieser Form des ersten Kontakts mit dem Tode –, weil er dabei ein bekanntes, vertrautes, alltägliches Aussehen bekommt. Ein gutes Mittagsmahl ist ihm vorausgegangen und eine gleiche Ausfahrt, wie Gesunde sie unternehmen. Eine Rückkehr im offenen Wagen legt sich über seine erste Attacke; wie krank auch meine Großmutter war, schließlich hätten mehrere Personen sagen können, daß sie sie um sechs Uhr, als wir von den Champs-Élysées zurückkamen, gegrüßt hätten und daß sie bei herrlichem Wetter im offenen Wagen vorübergefahren sei. Legrandin, der auf die Place de la Concorde zuging, zog vor uns den Hut, während er mit verwunderter Miene stehenblieb. Ich, der ich mich noch nicht vom Leben gelöst hatte, fragte meine Großmutter, ob sie den Gruß erwidert habe, und erinnerte sie daran, wie empfindlich er sei. Meine Großmutter, die mich sicher ziemlich töricht fand, hob die Hand, als wolle sie sagen: »Was macht das schon aus? Das ist doch völlig bedeutungslos.«

Ja, man hätte berichten können, daß soeben meine Großmutter, während ich nach einer Droschke suchte, in der Avenue Gabriel auf einer Bank gesessen habe und kurz darauf im offenen Wagen vorbeigefahren sei. Doch wäre das wirklich wahr gewesen? Die Bank braucht, um ihren Platz in der Avenue einzunehmen – wenn sie auch gewissen Gesetzen des Gleichgewichts untersteht –, keine Energie. Doch damit ein lebendes Wesen sich aufrecht hält, selbst auf einer Bank oder in einem Wagen, bedarf es einer Kraftanstrengung, die wir gewöhnlich nicht stärker wahrnehmen als (weil er nach allen Richtungen wirkt) den atmosphärischen Druck. Wenn wir in uns ein Vakuum schaffen und dann den Druck der Luft ertragen müßten, würden wir vielleicht in dem Augenblick vor unserem Zusammenbruch gerade noch das furchtbare Gewicht empfinden, das hinfort durch nichts mehr ausgeglichen wäre. Ebenso erfordert, wenn die Abgründe der Krankheit und des Todes sich in uns öffnen und wir dem Tumult, mit dem die Welt und unser eigener Körper über uns herfallen, nichts mehr entgegenzusetzen haben, das bloße Ertragen des Gewichts unserer eigenen Muskeln oder des zerrüttenden, bis ins Mark gehenden Erschauerns, ja auch nur das unbewegliche Verharren in dem, was wir gemeinhin als die passive Haltung einer Sache ansehen, wenn man nur dabei einen normal erhobenen Kopf und ruhigen Blick bewahren will, vitale Energie und wird zum Gegenstand eines erschöpfenden Kampfes.

Und Legrandin hatte uns gerade deshalb so erstaunt angestarrt, weil er mit allen, die gerade vorüberkamen, sehen konnte, wie in der Droschke, in deren Fond sie zu sitzen schien, meine Großmutter unterging, in den Abgrund glitt, wobei sie sich verzweifelt an den Kissen hielt, die ihren in die Tiefe stürzenden Körper kaum zu halten vermochten, eine Gestalt mit zerzaustem Haar und wirrem Blick, die unfähig war, dem Ansturm der Bilder länger zu begegnen; ihre Pupillen versagten. Man hatte sie sehen können, obwohl sie neben mir saß, versunken in jener unbekannten Welt, aus deren Tiefe sie schon die Schläge erhalten hatte, deren Spuren sie trug, als ich sie kurz zuvor in den Champs-Élysées erblickt hatte, Hut, Antlitz und Mantel entstellt von der Hand des unsichtbaren Engels, mit dem sie gerungen hatte.

Ich bin seither auf den Gedanken gekommen, daß der Augenblick des Schlaganfalls für meine Großmutter vielleicht gar nicht so ganz überraschend gekommen war, daß sie ihn seit langem vorausgesehen und in seiner Erwartung gelebt hat. Sicherlich hatte sie nicht gewußt, wann der verhängnisvolle Augenblick wirklich eintreten werde, und lebte in der Ungewißheit eines Liebenden, den ein Zweifel derselben Art dazu führt, bald unvernünftige Hoffnungen, bald ungerechtfertigten Verdacht bezüglich der Treue seiner Geliebten zu hegen. Doch es ist selten, daß schwere Krankheiten wie diejenige, die sie endlich voll ins Antlitz getroffen hatte, nicht lange vorher bereits in dem Kranken, den sie töten werden, sich einnisten und in dieser Zeit wie ein Nachbar oder ein Mieter, der einen »Kontakt« sucht, seine Bekanntschaft machen.1 Um eine furchtbare Bekanntschaft handelt es sich dabei, weniger wegen der Leiden, die sie mit sich bringt, als wegen der seltsamen Neuheit der endgültigen Beschränkung, die sie dem Leben auferlegt. Wir sehen uns in diesem Fall nicht erst im Moment des Todes sterben, sondern Monate, manchmal Jahre vorher, das heißt, seitdem er in so häßlicher Weise in uns Einzug gehalten hat. Die Kranke macht die Bekanntschaft des Fremden, den sie in ihrem Hirn auf und ab gehen hört. Gewiß kennt sie ihn vom Sehen nicht, aber aus den Geräuschen, die sie ihn regelmäßig machen hört, leitet sie seine Gewohnheiten ab. Ist er ein Übeltäter? Eines Morgens hört sie ihn nicht mehr. Er ist fort. Ach, daß...

Erscheint lt. Verlag 21.6.2020
Sprache deutsch
Original-Titel Angabe fehlt
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 19. Jahrhundert • 20. Jahrhundert • Erinnerung • Fin de siècle • Frankfurter Ausgabe • Frankreich • Guermantes • Marcel Proust • Moderne • Proust • Roman • ST 3643 • ST3643 • Suche • suhrkamp taschenbuch 3643 • Westeuropa • Zeit
ISBN-10 3-518-76742-9 / 3518767429
ISBN-13 978-3-518-76742-9 / 9783518767429
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