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Wassergeister -  Christian Linker,  Regina Schleheck

Wassergeister (eBook)

Neue Texte aus dem Literaturlabor Leverkusen
eBook Download: EPUB
2026 | 1. Auflage
112 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-6979-5 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
7,99 inkl. MwSt
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Wenn die Wassergeister losgelassen sind Die sechste Anthologie mit Texten aus dem Literaturlabor Leverkusen Wasser ist Leben, Wasser kann aber auch Zerstörung und Tod bringen. Und Wasser ist ein unerschöpflicher Quell der Inspiration für flüssige Texte - oder auch für flache Wortspiele; in jedem Fall aber ein wichtiges Zukunftsthema für nachhaltige Entwicklung. Unter den Wassergeistern begegnen uns Brunnengötter und Rheinmücken, schamanisches Life Coaching und Flutkatastrophen, Meerjungfrauen und Leihfahrräder und manchmal die ganze Welt in einem einzigen Tropfen Wasser. Wieder einmal haben die Autorinnen und Autoren im Literaturlabor Leverkusen also einen exklusiv-explosiven Cocktail gemixt. Ob Sie nun vorsichtig nippen oder alles in einem Zug leeren - zum Wohle! Autoren und Autorinnen in dieser Ausgabe: Mathias M. Boer, Ulrich Bornewasser, Hans-Günther Felser, Jacqueline Frevel, Jannechie Groz, Michaela Gawlick, Silke Horvath, Sonja Kehde, Nina Kett, Christian Linker, Marina Schleheck, Andreas Miller, Florian Penven, Cornelia Schade, Regina Schleheck, Hans Schmitz, Birgit Sonnberger, Heinke Stulz, Dagmar Maria Toschka, Marie van Veen, Frank Weidemann und Lisa Wolf

schreibt hauptsächlich Jugendromane und gibt Schreibworkshops ohne Altersbeschränkung, um die Magie des Erzählens zu teilen - manchmal ein echtes (Schle-) Heksenwerk.

ERWACHEN AM RIO NAPO


NINA KETT

Es ist laut. Um mich herum ein Surren, Gurren und Gurgeln. Ein Schlitz lässt tiefste Dunkelheit herein, dann erblicke ich Reste von Glut, die den Boden ein wenig erhellen. Wo bin ich? Von unten steigt warme Feuchtigkeit auf. Ich versuche, den Kopf zu heben. Schwarze Baumsilhouetten vor einem tiefblauen Sternenhimmel.

Kann ich mich bewegen?

Der Kopf sackt nach unten, eine säuerlich stinkende Pfütze rast mir entgegen. Im letzten Moment kann ich mich fangen. Ein paar Reflexe sind also noch vorhanden.

Ich setze mich hin und starre auf meine Hände. Sehe nur dunkle Umrisse im matten Licht des fast erloschenen Feuers. Vorsichtig fahre ich die Linien auf meiner rechten Hand mit dem Zeigefinger der Linken nach. Irgendwie schön, wie eine Landkarte zerfurcht, die Welt darauf gemalt. In der Mitte eine tiefe Einkerbung, der Rio Napo, Ecuador. Wie passend. Hier bin ich doch! Irgendwo im Nichts. Mit Sarita, mit Anke, die mich überhaupt erst hierhin gebracht hat.

Leer. Ich fühle mich so leer und leicht. Langsam hebe ich erneut den Kopf. Am Horizont wird es schon etwas klarer, ein schmaler Streifen hellblau in der Ferne, die Sterne blasser. Das Kreuz des Südens ist noch gut zu erkennen.

Irgendwo brüllt ein Tier. Das Summen und Zwitschern geht unbeirrt weiter.

In meiner Erinnerung war es vorhin noch tiefste Nacht, funkelnder Sternenhimmel, unterschiedlichste Tierstimmen durcheinander. Sarita hat behauptet, wir würden den heiligen Jaguar hören. Ich glaube, es war eher das Kreischen von Paco, dem durchgeknallten Kapuzineraffen in dem kleinen Dorf, neben dem sich die Arco Iris Sacred Retreat Lodge befindet. Oder ein Pekari, eins von diesen seltsamen Dschungelschweinen. Das Feuer brannte hoch, Qualm stieg auf.

Jetzt ahne ich hinter mir das große Langhaus, vor dem wir die Zeremonie durchgeführt haben, ein stummer Schatten in meinem Rücken.

Wo sind die anderen?

»Anke?«

Vorsichtig räuspere ich mich. Kam das Gekrächze gerade wirklich aus meinem Mund?

Obwohl ich mich leicht fühle, fällt es mir unglaublich schwer aufzustehen.

Ayahuasca, hat Anke gesagt. Danach bist du ein anderer Mensch.

Pachamama ist überall, hat Sarita uns erklärt. Wir saßen im Kreis um sie herum, alle sollten einen Satz dazu sagen, warum sie hier sind. Auf Deutsch immerhin. Ich weiß nicht mehr, was ich gestammelt habe. Bestimmt nicht, dass ich Anke vögeln will. Vielleicht ist es auch nicht nur das. Eingesperrt wie ein Raubtier im selbstgewählten Käfig teilnahmsloser Langeweile und Übersättigung. Sarita hat allen tief in die Augen geschaut und das Gebräu verteilt. Tabakrauch stieg in die Luft, die Verbindung zur Geisterwelt.

Dann habe ich mein altes Leben ausgekotzt.

Kev, der smarte Immobilienmakler, war vom Mutterboden aufgesogen worden, zum Klang einer Schamanentrommel.

Wie viel Zeit ist seitdem vergangen?

Ich setze einen Fuß vor den anderen. Immerhin, kalt ist mir nicht, mein T-Shirt klebt unangenehm, und ich hoffe auf Regen. Vor mir undurchdringliches Gestrüpp. Ich kann es ertasten und nach und nach auch erkennen. Jetzt bräuchte ich eine Machete. Wobei, wer weiß, wo ich dann landen würde. Das Gebiet um den Rio Napo ist groß. Und vielleicht läuft hier wirklich irgendwo ein Jaguar herum. Rechts von mir glaube ich einen schmalen Trampelpfad zu erkennen. Dort ist es ein wenig heller. Und möglicherweise kommt von dort auch das Gurgeln des Wassers.

Über mir zwitschert eine Gruppe Totenkopfäffchen, ehe sie eine Etage höher in den Baumwipfeln verschwinden.

Wo ist dieser verdammte riesige Fluss?

Schon die dritte Zeremonie in drei Wochen. Sara schielt vorsichtig in ihre rechte Hosentasche. Das Smartphone sollen die Teilnehmer in der Lodge lassen, ganz klar. Aber sie ist immerhin die Schamanin hier, die Curandera, und hin und wieder muss sie Dinge klären. Mit den Kichwa, die hier bei der Lodge leben und das Langhaus für Zeremonien am Ufer gegenüber im Irokesenstil gebaut haben. Oder eben mit Mexiko. Bisher kein Anruf. Sie wollten sich gestern Abend schon gemeldet haben. Langsam wird sie nervös.

Der Deal war doch so gut wie besiegelt, sie hat das Retreat schon online beworben, mit ersten Bildern. Ein paar Anmeldungen sind bereits eingegangen: Cenote-Kindergarten, spirituelle Heilung für Familien, nicht nur für gestresste Unternehmer in der Midlife-Crisis. Wunderschöne Strände, Palmen, Party und Entspannung, kreisrunde funkelnde Wasserlöcher. La vida real.

»Mein Mund ist ganz trocken. Ist das normal, Sarita?«

Sara lächelt. Egal, was ihre Teilnehmer jetzt von sich geben, sie bestärkt sie darin, dass es normal sei. Was ist schon normal? Jedes Mal schluckt sie als Curandera den Lianentrank mit einer neuen staunenden Gruppe auf der Suche nach sich selbst. Irgendwoher muss das Geld für das Grundstück in Mexiko ja kommen. Nächste Woche geht es zurück nach Recklinghausen, da muss sie die Zeit gut nutzen.

»Das ist völlig normal, Anke.« Sara drückt auf einen Schalter an der Holzwand, und die kleinen Lampen erhellen den offenen Raum. Es sieht wunderschön aus, allerdings finden die Moskitos das auch. Egal, im jetzigen Zustand kümmert das niemanden, und früh morgens ist auch nur ein Bruchteil der Insektenscharen unterwegs. Irgendwo weint ein Kind. Immerhin wird Enrique gut betreut, Lady und Maikol kennen ihn schon, seit er als Säugling das erste Mal seine Mutter auf das Retreat begleitet hat. Er schläft gern in ihrer Hütte.

Yanua kommt herein, mit einem großen Topf im Arm. Sie hat sich in der Tradition der Shuar bemalt. Dass die anderen Indígenas, die hier leben, zu den Kichwa gehören, ist nicht so wichtig. Hat bisher noch keine Sau interessiert. Hat ja auch niemand gemerkt, dass das Langhaus eigentlich nach Nordamerika gehört. Die roten Muster in Yanuas Gesicht sind eindrucksvoll. Schlangen, die als Zickzack-Linien auf ihren Mund zulaufen, um dort verschluckt … ein bisschen spürt Sarita die Wirkung des Zaubersaftes noch.

»Chicha de Chontaduro para todos«, sagt Yanua und schüttet etwas von dem roten Saft in einen Metallbecher. Jeder wird einmal davon trinken dürfen. Anke, Vanessa, Dominik, Siri, Daniel, Konstantin und Kev. Wo ist der überhaupt abgeblieben?

Den »Kevin« habe ich schon lange hinter mir gelassen. Diesen unbarmherzigen Stempel, der dich ohne Nachfrage ins Prekariat befördert. Hab es allen gezeigt. Heute arbeite ich in Jansens erfolgreichem Maklerbüro, und wenn Jansen mich lassen würde, könnte ich richtig etwas reißen, und ich … bräuchte dringend eine Machete. Immer wieder schließt sich der Vorhang aus Dunkelgrün, dann schiebe ich ihn zur Seite. Wenn schillernde Schmetterlinge davonflattern, blitzt es kurz auf. Mehr lässt das schwache Licht nicht zu. Nur nach oben schauen darf ich nicht. Dann komme ich nicht weiter, weil sich mein Blick in den endlosen Details verliert. Wie der Nebel langsam aufsteigt, die Papageien kreischen, der hellblaue Streifen langsam, aber stetig breiter wird und die zahllosen Sterne verblassen. Wer bin ich jetzt? Um den Faden nicht zu verlieren, streiche ich über die Landkarte auf meiner Hand.

»Sarita, la casita … das Langhaus schimmelt schon wieder«, flüstert Yanua, nachdem Konstantin aus dem Becher getrunken hat. Er verzieht das Gesicht und kippt den Rest hinunter. Sie tut es Konstantin gleich und schaut Yanua genervt an. »Wirklich? Jetzt? Ahora? Können wir später darüber reden? Deswegen haben wir das Zeremonienhaus doch schon verlassen.«

Der Gruppenraum der Arco Iris Sacred Retreat Lodge hat halbhohe Wände und ein leichtes Blätterdach. Es gibt keine Fensterscheiben, der ganze Bau steht auf Stelzen, wie üblich bei den Kichwa. Dschungel von allen Seiten. Um die fetten Spinnen oder gelegentlichen Schlangen kümmern sich die Kichwa jeden Abend. Sie werden immerhin auch dafür bezahlt.

»Du hast gesagt, dass wir das Langhaus an Gäste vermieten können, wenn du kein Retreat hast.«

Ganz schön stur heute Morgen, diese Yanua. Und Schimmel bleibt nun einmal nicht aus, bei dieser Feuchtigkeit modert schließlich alles vor sich hin.

»Das ist ganz schön speziell.« Konstantin schmatzt vernehmlich und schaut prüfend in den Becher. »Bitter, eisenhaltig, fast wie Blut …«

»Und voller gesunder Vitalstoffe!«, unterbricht ihn Sarita. »Der Geschmack des Lebens in seiner ganzen Vielfalt!«

Der Geschmack des Lebens? Chontadura schmeckt widerlich. Auch darum muss es mit Mexiko einfach klappen. Sie könnte ihren ganzen Lebensmittelpunkt dorthin verlagern. Die Therapien, die Familienberatung. Drei Hektar Land am Fluss, zu einem Spottpreis. Die Regierung möchte es lieber an eine Ausländerin veräußern als an die dort ansässigen Maya. Und sollte sie doch in Deutschland bleiben wollen, könnte sie die neuen Hütten ohne Probleme vermieten. Sie würde Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung schaffen, genau wie hier. Gleich würde Evi mit der selbst hergestellten Artesanía bei ihrer Gruppe vorbeischauen. Am besten verkaufen sich die kleinen Jaguare aus Holz und die Nasenbären mit den langen...

Erscheint lt. Verlag 8.1.2026
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-6951-6979-6 / 3695169796
ISBN-13 978-3-6951-6979-5 / 9783695169795
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