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Der talentierte Schüler und seine Feinde

(Autor)

Buch | Softcover
288 Seiten
2010
Goldmann (Verlag)
978-3-442-15655-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der talentierte Schüler und seine Feinde - Andreas Salcher
9,99 inkl. MwSt
  • Titel ist leider vergriffen;
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Pflichtlektüre für Eltern und ErzieherBegabung als Störfall und Schule als „Talentvernichtungsindustrie“? In keinem anderen Bereich unseres Lebens klafft die Lücke zwischen erzieltem wissenschaftlichen Fortschritt und dessen tatsächlicher Nutzung zum Wohl der Menschen so auseinander wie in unseren Schulen. Andreas Salcher deckt die Mängel unseres Schulsystems und des Lehrpersonals auf, das die Begabungen unserer Kinder nicht fördert, sondern sich systematisch auf ihre Defizite konzentriert. Dabei wollen und können Kinder mit Freude und Motivation lernen, wie Salcher mit einem Blick auf die Schulsysteme anderer Länder zeigt.

Andreas Salcher ist Mitbegründer der Sir Karl Popper Schule für besonders begabte Kinder. 2004 initiierte Andreas Salcher die "Waldzell Meetings" im Stift Melk, an denen sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben. Seine Bücher sind ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander und vor allem mit uns selbst. 2009 wurde Andreas Salcher zum "Autor des Jahres" gewählt. Für "Der verletzte Mensch" und "Meine letzte Stunde" wurde er 2012 jeweils mit dem "Platin Buch" ausgezeichnet.

rwort1942 wurde ich in die erste Klasse einer kleinen Dorfschule in Niederschlesien eingestuft. Aber selbst wenn wir nicht mitten im 2. Weltkrieg lebten, h?en sich meine Eltern damals nicht besorgt die Frage gestellt, ob sie die richtige Schule f?r mich ausgesucht haben, ob die Lehrerin meine Talente erkennen und f?rdern w?rde und ob sie imstande sei, bei mir Neugierde und Interesse zu wecken. Das war auch in meiner Gymnasialzeit kein Thema. Ich hatte zwar meine Lieblingslehrer und solche, die ich weniger mochte, und ich habe mich auch mit meinen Geschwistern oft ?ber sie unterhalten. Aber es w? uns kaum in den Sinn gekommen, an diesem Zustand etwas ?ern zu wollen geschweige denn zu k?nnen. Die Schule war damals eine vorgegebene Konstante und die Lehrer auch. Die Lehrer wiederum haben die Talente und Begabungen ihrer Sch?ler als von der Natur - der Begriff ?Gene? hat damals noch nicht zum Wortschatz geh?rt - bestimmte Konstanten betrachtet. Als einzige Variable galt der Flei?und die Disziplin des Einzelnen. Die Ergebnisverantwortung lag ausschlie?ich beim Sch?ler. Was er nicht im Hirn hatte, konnte und musste er durch Sitzfleisch wettmachen. Bis in meine Studentenzeit waren jedenfalls die Themen Bildung und Schule kein Gegenstand ?ffentlicher und po- litischer Diskussion. Und wenn ausnahmsweise doch, dann haben Eltern ein neues Gymnasium in der N? ihres Wohnorts gefordert, um ihren Kindern einen langen Schulweg zu ersparen. Oder wahlk?fende Politiker haben ein solches Gymnasium zugesagt oder die Ausstattung einer Schule mit einem Turnsaal versprochen. Die Qualit?des Unterrichts war jedenfalls kein Thema, was auch gar nicht verwunderlich war, weil damals f?r viele Karrieren nicht die Frage, welche Schule oder Hochschule, sondern ob eine solche absolviert worden ist, entscheidend war. Formales Erfordernis hatte Vorrang vor inhaltlichem Erfordernis. Erst Mitte der sechziger Jahre hat in der Bundesrepublik Deutschland eine heftige bildungspolitische Diskussion begonnen. Ausgel?st wurde sie durch das Buch ?Die deutsche Bildungskatastrophe? des Religionswissenschaftlers und Philosophen Georg Picht. Kernthese des Buches ist die Feststellung Pichts gewesen, dass Deutschland ohne kr?ige Erh?hung der Schlagzahl bei der Akademikerquote die Herausforderungen der Zukunft nicht wird meistern k?nnen. Picht ist es gelungen, sofort die politische Agenda zu bestimmen. Schul- und vor allem Hochschuletats wurden kr?ig aufgestockt. Als Graduate Student und dann sp?r als Universit?lehrer in den USA habe ich das amerikanische Bildungssystem von beiden Seiten kennengelernt. Es unterscheidet sich in vielem vom europ?chen: Es ist viel st?er privat finanziert und auch gef?hrt, es f?rdert st?er Spitzenleistungen, und es ist st?er auf Ausbildung als auf Bildung fokussiert. Die fachliche und p?gogische Ausbildung halte ich f?r schw?er als in Europa. Allerdings wird dieses Defizit durch eine Qualit?der amerikanischen Lehrer wettgemacht, die viel mit amerikanischer Mentalit?zu tun hat. Sie trauen denioKindern mehr zu als europ?che Lehrer und bem?hen sich, den Kindern das Gef?hl zu vermitteln, dass sie alles schaffen k?nnen. In diesem Sinn ist ?Der talentierte Sch?ler und seine Feinde? ein amerikanisches Buch. Es r?t mit dem jahrhundertealten Vorurteil auf, dass Talent eine rein genetisch bedingte Konstante ist, und weist nach, dass viele Kinder ?ber viel mehr Talent verf?gen, als ihre Eltern, ihre Lehrer und sogar sie selbst glauben. Dieser Nachweis ist aus zwei Gr?nden wichtig: Wirtschaftswachstum, Armutsbek?fung, Klimaziele und wie all die globalen Herausforderungen unseres Jahrhunderts hei?n m?gen, werden nur gemeistert werden k?nnen, wenn so viele Menschen wie m?glich ihre Talente maximal aussch?pfen k?nnen. Aber es geht nicht nur um eine ?konomisch-utilitaristische Nutzung der Talente. Seine Talente zu entdecken, ist auch ein zutiefst ?humanistisches? Recht, sogar ein Menschenrecht. Auch dieser Aspekt wird durch das vorliegende Buch brillant belegt. Andreas Salcher ist ein Experimentalist. Er hat Betriebswirtschaft studiert, ist schon in jungen Jahren ins Parlament gew?t worden und hat sich dort zw?lf Jahre mit der Gesetzgebung befasst. Schon fr?h hat er die Erziehung der n?sten Generation als eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft erkannt und hat daher eine Schule f?r besonders begabte Kinder gegr?ndet. Durch die ?Waldzell Meetings? hat er sich in der Diskussion mit den besten K?pfen unserer Zeit profiliert. Das Buch ist wichtig, weil es die Perspektive des zu Erziehenden den konventionellen Ansichten der (meisten) Erzieher gegen?berstellt. Ein schlechter Lehrer und eine schlechte Lehrerin k?nnen sehr viel Schaden anrichten, indem sie latentes Talent entweder nicht erkennen oder, noch schlimmer, es sogar bewusst unterdr?cken. Wenn wir bedenken, dass laut UNESCO in den n?sten 30 Jahren mehr Menschen eine Schule absolviert haben werden als in all den Jahren der bisherigen Geschichte der Menschheit, dann ist es geradezu ein Gebot der Stunde, die richtigen Schl?sse aus den Thesen von Andreas Salcher zu ziehen.G?nter BlobelNew York, im M? 2008Die zehn gro?n Tabus zum Thema SchuleDie TalentvernichtungsindustrieoderWarum wir uns die systematische Zerst?rung der Talente unserer Kinder in der Schule nicht mehr l?er leisten k?nnenEs gibt zwei Arten von Kindern: kluge Kinder und dumme Kinder. Kluge Kinder sind solche, die in der Schule erfolgreich sind, und dumme jene, die in der Schule scheitern. Diese Grundannahme ist tief in die Festplatten der Eltern, der Lehrer und des Gesamtsystems Schule eingraviert. Auch viele Kinder glauben das. Es ist einfach, einleuchtend, seit Generationen weitergegeben und - so falsch wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe ist. Wenige Kinder werden als Genies geboren. Alle Kinder haben eine Vielzahl von Talenten. Wenn wir ein Neugeborenes betrachten, sehen wir kein dummes oder kluges Baby. Wir sehen das Wunder des Lebens. Daher kann es nur die Aufgabe einer humanen Gesellschaft sein, jedem Kind die maximale Chance auf die Entfaltung seiner Talente zu geben. Das Denkmodell, auf dem unser gesamtes Schulsystem aufgebaut ist, basiert aber auf der industriellen Massenproduktion. Die Geschwindigkeit des Flie?andes erlaubt nur eine Sortierung nach der Norm oder auszusonderndem Ausschuss. Gillian Lynne galt in der Schule als ein hoffnungsloser Fall. Ihre Eltern waren der Meinung, dass Gillian eine Lernst?rung habe. Sie konnte weder ruhig sitzen noch sich auf etwas konzentrieren. Ihre Mutter brachte sie zu einem der damals verf?gbaren Spezialisten f?r Lernst?rungen und erz?te diesem von all den Problemen, die Gillian in der Schule hatte, dass sie keine Hausaufgaben machte und dauernd st?rte. Gillian sa?dabei 30 Minuten auf einem Stuhl auf ihren H?en und sprach kein Wort. Der Doktor h?rte der Mutter geduldig zu und sagte dann zu Gillian, dass er mit ihrer Mutter allein reden m?sse und daher mit ihr nach drau?n gehen werde. Bevor sie den Raum verlie?n, drehte der Doktor das Radio auf. Kaum h?rte Gillian die Musik, sprang sie auf den Tisch und begann zu tanzen. Nach einer Weile zeigte der Doktor auf Gillian und sagte zu ihrer Mutter: ?Frau Lynne, Ihre Tochter ist nicht krank. Sie ist eine T?erin.? Die Mutter h?rte auf den Rat des Experten und gab ihre Tochter an eine professionelle Tanzschule. Gillian Lynne sagte sp?r: ?Es war wunderbar f?r mich. Lauter Menschen wie ich, die nicht stillsitzen konnten. Menschen, die sich bewegen mussten, um denken zu k?nnen.? Gillian Lynne wurde eine umjubelte Ballerina am ?Royal Ballet? und spielte in Filmen mit Errol Flynn. Sie gr?ndete ihre eigene Tanzgruppe und lernte Andrew Lloyd Webber kennen. F?r ihn schuf sie unter anderem die Choreografien f?r ?Cats? und ?Das Phantom der Oper?. Sie ist heute ein Weltstar und eine Multimillion?n. Gillian Lynne wurde in den drei?ger Jahren in England geboren und nicht am Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland oder den USA. Heute h?e man bei ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivit?st?rungssyndrom (ADHS) diagnostiziert und sie mit Ritalin bzw. Concerta behandelt, um ihre Hyperaktivit?zu reduzieren. Die Menschen wussten damals nicht, dass es so etwas gab. Heute wei?niemand, wie vielei6Kinder in den USA Ritalin bekommen, um sie angepasster und braver zu machen. Die Sch?ungen differieren zwischen ein bis acht Millionen Kindern! Sogar bei Kindern im Vorschulalter nimmt die Einnahme von Ritalin immer mehr zu. Damit besteht die Gefahr, dass dieses Medikament einmal zum gr??en Drogenproblem der USA werden k?nnte. In Deutschland ist dieses Medikament ebenfalls erh?lich, und immer mehr Fachleute warnen die Eltern vor dem oft viel zu sorglos diagnostizierten ADHS und der Verschreibung von Ritalin. In ?terreich liegt dieses Problem noch im Bereich von Dunkelziffern. Neuere Studien zeigen, dass ADHS oft bei besonders kreativen Kindern diagnostiziert wird. Sch?ne neue Welt - Aldous Huxley l?t gr??n. Die wunderbare Geschichte von Gillian Lynne erz?te der britische Kreativit?experte Ken Robinson auf der TEDKonferenz 2006 in Monterey in Kalifornien. TED steht f?r Technologie, Entertainment und Design und gilt als eine der innovativsten Konferenzen der Welt. Obwohl vor Robinson gro? Namen wie Al Gore oder die Google-Gr?nder Sergey Brin und Larry Page auftraten, war seine 17-min?tige Pr?ntation mit dem Titel ?T?ten unsere Schulen die Kreativit?? der meistdiskutierte Beitrag. Ken Robinson brachte bekannte Fakten sehr bildhaft auf den schmerzhaften Punkt: Jedes Schulsystem auf der Welt hat die gleiche Hierarchie von Gegenst?en. An der Spitze stehen immer Mathematik und Sprachen, dann folgen die Naturwissenschaften, und ganz am Ende kommen, wenn ?berhaupt, die k?nstlerischen Gegenst?e. ?rigens sind Musikerziehung und Zeichnen jene F?er, die nach einem ungeschriebenen Gesetz bei Budgetproblemen immer als erste gestrichen werden. Das Streichen von Mathematikstunden w?rde einen nationalen Aufstand der Eltern, von denen die meisten diesen Gegenstand selbst in der Schule gef?rchtet haben, ausl?sen. Das Weglassen von ein paar Musikstunden erregt vielleicht ein paar Einzelk?fer. Es gibt kein Land auf der Welt, das Kindern Tanzen mit der gleichen Priorit?wie Mathematik lehrt. Warum eigentlich? Mathematik ist wichtig. Tanzen ist auch wichtig. Wir haben alle einen K?rper. Wenn Kinder aufwachsen, starten wir mit ihrer Bildung von der H?fte aufw?s und dann konzentrieren wir uns ausschlie?ich auf ihre K?pfe. Wenn man einmal dar?ber nachdenkt, was das ideale Endresultat unseres ?ffentlichen Bildungssystems ist, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass der ideale Output aller Schulen der Typus des Universit?professors ist. Und viele Universit?professoren leben ihr Leben lang in ihren K?pfen. Sie sind komplett von ihren K?rpern getrennt, sie sehen ihre K?rper als Mittel, um ihren Kopf von einem Ort zu einem anderen zu bef?rdern, sagt Ken Robinson, der selbst Universit?professor ist und ?ber einen durchaus massiven K?rper verf?gt. Viele kreative Kinder, die ?ber ganz andere als die einseitig hoch bewerteten intellektuellen F?gkeiten verf?gen, scheitern in diesem System schon sehr fr?h und haben nie die Chance, an eine Universit?zu kommen. Ihre Talente gehen daher unserer Gesellschaft auch f?r immer verloren.WARUM SIND UNSERE SCHULEN EIGENTLICH so, WIE SIE SIND?Der Einfluss des Industriezeitalters, in dem wir nach wie vor leben, ist uns gar nicht bewusst, ebenso wenig wie dem Fisch das Wasser, in dem er schwimmt. Wir packen die Schultaschen unserer Kinder mit 10 bis 20 Kilogramm voll, weil sie sonst nicht die vielen Pr?fungen schaffen k?nnen. Die Lehrer sehen die Schule ausschlie?ich aus der Perspektive ihres Fachs und sprechen sich nicht ab. Sie stellen nur ihre isolierten Leistungsanforderungen, ohne ?ber die Summe nachzudenken, die sie im wahrsten Sinne des Wortes den Kindern aufb?rden. Auch die Eltern zu Hause sind oft so in ihrem eigenen Stress verhaftet, dass sie entweder gar nicht auf die Idee kommen, welcher Druck an manchen Tagen auf ihren Kindern lastet, oder - noch schlimmer - sie halten diesen sogar f?r eine gute Vorbereitung auf die harte Realit?des Lebens. Das ist die Kernaussage von Peter Senge, Professor f?r lernende Organisationen am weltber?hmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston in seiner ?berzeugenden Analyse, warum unsere Schulen heute noch immer so sehr den Fabrikhallen der industriellen Revolution gleichen.1 Senge entschl?sselt die DNA unseres Schulsystems und legt damit das Grundproblem unserer Schulen offen: Schon Friedrich der Gro? war fasziniert von dem Gedanken, seine Soldaten m?glichst zu perfekt funktionierenden Einzelteilen in einer gro?n Maschine zu machen. Dieser Zweck pr?e die Ausbildung in den preu?schen Kadettenanstalten, und diese Idee ist bis heute nie ganz aus unserem Bild von Schule verschwunden. Maria Theresia nahm sich dieses Modell ihres gro?n Rivalen Friedrich II. ?brigens als Vorbild bei der Gr?ndung des ?sterreichischen Schulsystems, weil sie, nach einigen verlorenen Schlachten gegen die Preu?n, offensichtlich erkannte, dass besser gebildete Soldaten auch effizienter k?fen k?nnen. Mit dem Trend zur Massenfertigung, der Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte, wurde die Idee geboren, Fabriken wie eine einzige gro? Maschine zu gestalten. Der wichtigste Protagonist dieser ?a, Frederick Taylor,2 sah keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Gestaltung der menschlichen Arbeit und der Gestaltung von Maschinen. Die Organisation wurde als gro? Maschine gesehen, in der verschiedene, m?glichst schnell austauschbare Einzelteile perfekt miteinander funktionierten. Die Erfindung des Flie?ands durch Henry Ford, das effizient gleiche Produkte produzierte, war die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Davon leitete sich auch der Ansatz ab, Menschen m?glichst schnell als produktive Fabrikarbeiter zu qualifizieren. Das war genau die Zeit, in der die ?ffentlichen Schulsysteme in der uns heute bekannten Form geschaffen wurden. Und es darf daher gar nicht verwundern, dass die Massenfertigung den Sch?pfern dieses Schulsystems als Vorbild diente. Ja, Schulen sind daher wahrscheinlich ?berhaupt jene von Menschen geschaffenen Institutionen, die am st?sten den Flie??ern ?eln. Das ganze System baut auf getrennten Stufen auf, die man Klassen nennt, und in die man Kinder streng nach Alter getrennt einteilt. Es wird erwartet, dass jeder Sch?ler in der daf?r vorgesehenen Zeit Stufe um Stufe aufsteigt. Jede Klasse hat einen zugeteilten Aufseher, der in der Schule Lehrer hei?. Zu bestimmten, genau festgelegten Zeiten bereitet man in den Klassen zwischen 20 und 40 Sch?ler auf Pr?fungen vor. Die ganze Schule ist danach konstruiert, in einem ganz strikten Zeitschema zu arbeiten, das durch Glocken, exakt festgelegte Erholungspausen und strikte Arbeitszeiten zentral vorgegeben ist. Jeder Lehrer wei?genau, was von ihm erwartet wird, damit sich das Flie?and in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit bewegen kann. Das Resultat dieses vom Maschinenzeitalter gepr?en Modells waren Schulen, die total vom t?ichen Leben der Menschen isoliert, von autorit?m Verhalten gepr? und mit einem einzigen Ziel geschaffen wurden: urspr?nglich leicht austauschbare Soldaten in ?der gro?n Maschine? Friedrichs des Gro?n und sp?r m?glichst standardisierte, schnell einsetzbare Arbeitskr?e zu produzieren. Nat?rlich lieferte dieses Modell von Schule sehr effektiv viele Menschen, die die wichtigsten Dinge wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf einmal beherrschten, was durchaus einen Fortschritt gegen?ber dem dumpfen Analphabetismus des Agrarzeitalters darstellte. Dieses industrielle Modell von Schule trug aber auch bereits den Keim aller Probleme in sich, mit denen wir heute k?fen. Es selektierte in dumme Kinder und kluge Kinder und verkannte die Individualit?jedes Menschen. Jene, die nicht genau in der vorgeschriebenen Zeit lernten, wurden entweder ausgesondert oder gezwungen, in einem f?r sie unnat?rlichen Tempo zu lernen. Heute bezeichnet man diese Kinder als ?lerngest?rt?. Wir h?ren st?ig in politischen Sonntagsreden davon, dass wir mehr Innovation und neue Ideen brauchen, um in der Zukunft wettbewerbsf?g zu bleiben. Doch unser gesamtes Schulsystem ist auf die Normierung ausgerichtet. Alles, was au?rgew?hnlich oder besonders sein k?nnte, isolieren, bek?fen und begrenzen wir.BESCHEIDENHEIT IST F? UNSERE SCHULEN KEINE TUGENDWarum stellen wir eigentlich so bescheidene Anspr?che, was das Niveau unserer Schulen betrifft? Denn dort, wo uns etwas wichtig ist, unser Auto zum Beispiel, haben wir durchaus ein hohes Interesse daran, dass unsere ?heilige Kuh? nach der Reparatur wieder funktioniert. In modernen Kfz-Werkst?en erfolgt die Feststellung des Ist-Zustandes schon bei der ?ergabe des Fahrzeugs am Computer, und wir wissen zumindest, wo die Schwachstellen liegen. Nat?rlich ist es viel aufwendiger, die Begabungen eines jungen Menschen zu analysieren als den Reparaturbedarf eines Fahrzeugs. Aber nicht einmal dieses Minimalma?ist im Schulsystem vorgesehen. W?rde die Fahrzeugindustrie etwa nach den gleichen niedrigen Qualit?standards wie unser Schulsystem arbeiten, w? jede Fahrt mit dem Auto aus Sicherheitsgr?nden lebensgef?lich - von der Flugzeugindustrie ganz zu schweigen. Denn wie viel Zeit wird de facto in unseren Schulen f?r die Diagnose der Talente jedes einzelnen Kindes beim Eintritt in die Grundschule und dann beim ?ergang in die jeweils n?ste Schulphase aufgewendet? Ber?cksichtigen wir etwa auch nur die unterschiedlichen Entwicklungsspr?nge von M?hen und Burschen in ihrer Pers?nlichkeitsentwicklung? Dieses Fehlen jeder ernsthaften Diagnose am Beginn der Schullaufbahn schafft Weichenstellungen mit Folgen f?r die n?sten 60 Jahre. Und noch viel wichtiger: Interessiert das ?berhaupt ir- gendjemanden in einem System, das wie ein Flie?and auf Knopfdruck anspringt, um vorgefertigte Teile zu produzieren? Hat man in Ihrer Schulzeit auch noch Linksh?er vergewaltigt, Rechtsh?er zu werden? Oder waren Sie selbst sogar ein Opfer? Obwohl Linksh?er heute nicht mehr als abnorm gelten, werden aus vielen unbewussten Linksh?ern bereits in Kindertagen Pseudo-Rechtsh?er, was zu schweren gesundheitlichen Sch?n f?hren kann. Hat die Entdeckung der Begabungen jedes einzelnen Kindes nicht mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt verdient, als wir sie bei der Neuanschaffung eines Autos oder einer Stereoanlage aufwenden? Nun, im Gegensatz zu unserem t?ichen Verhalten als Konsumenten, wo wir m?glichst beste Qualit?zu niedrigen Preisen suchen, kommen wir bei unseren Schulen offensichtlich ?berhaupt gar nie auf die Idee, uns als Kunden zu f?hlen. Das hat einen einfachen Grund: Wir sind nichts anderes gew?hnt.ZUR?K IN DIE ZUKUNFT?Schule war f?r uns Zwang, ?e, Langeweile, eine St?e, in der man die >Wissenschaft des nicht Wissenswerten< in genau abgeteilten Portionen sich einzuverleiben hatte. Ihre wahre Mission im Sinne der Zeit war nicht so sehr, uns vorw?szubringen als uns zur?ckzuhalten, nicht uns innerlich auszuformen, sondern dem geordneten Gef?ge m?glichst widerstandslos einzupassen, nicht unsere Energie zu steigern, sondern sie zu disziplinieren und zu nivellieren.?Diese Zustandsbeschreibung der Schule aus Stefan Zweigs im Jahr 1944 erstmals erschienenen Lebenserinnerungen ?Die Welt von Gestern? mag in dieser Radikalit?heute vielleicht ?bertrieben klingen. Aber in Wirklichkeit gehen wir alle seit 100 Jahren in die gleiche Art von Schule.

Erscheint lt. Verlag 10.11.2010
Reihe/Serie Goldmann Taschenbücher
Verlagsort München
Sprache deutsch
Maße 125 x 183 mm
Gewicht 244 g
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Politik / Gesellschaft
Schlagworte Begabtes/hochbegabtes Kind • Bildung • Deutschland • Eltern • Erziehung • Lehrer • Österreich • Pädagogik • Schule • Schüler • Schulerfolg • Talentvernichtungsindustrie
ISBN-10 3-442-15655-6 / 3442156556
ISBN-13 978-3-442-15655-9 / 9783442156559
Zustand Neuware
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