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Der amerikanische Leviathan (eBook)

(Autor)

Frank M. Raddatz (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2020 | 1., Originalausgabe
341 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76688-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der amerikanische Leviathan - Heiner Müller
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Ein Lexikon als Lesebuch
Über 160 Einträge
Von Amerikanisierung, Ami und Coyote über Charles Manson und Marilyn Monroe bis Zombie und Zweiter Weltkrieg

Zeitlebens war »Amerika« für Heiner Müller eine Traum- und Projektionsmaschine. Unvergessen bleibt der erste Mickey-Mouse-Film des Kindes in Eppendorf, prägend die Faulkner-Lektüre des Jugendlichen. Die frühe Faszination paart sich mit der ablehnenden Skepsis gegenüber der aggressiven Politik des Systemgegners im Kalten Krieg. Als Müller 1975 und in späteren Jahren die USA und Mexiko bereist, verbringt er Tage und Wochen im Kino, trifft den Regisseur Robert Wilson und gewinnt den Weiten des Landes mit dem Begriff der Landschaft die entscheidende Kategorie für die Erneuerung der eigenen Theaterarbeit ab. Zugleich blieb »Amerika« für Müller die Chiffre des schlechten Ganzen im mittlerweile globalen Kapitalismus - und der verpassten Möglichkeit von Geschichte. Alphabetisch geordnet, versammelt das Buch die wichtigsten Passagen aus dem Werk Müllers zum Komplex Amerika.

<p>Heiner Müller, geboren am 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen, war einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zudem war er Lyriker, Prosa-Autor und Essayist sowie Präsident der Akademie der Künste Berlin (Ost). Er ist am 30. Dezember 1995 in Berlin verstorben.</p>

Amerikaerfahrung


AMERIKA, MORGENSTERN, ERBE

Ein Gespräch mit Wolfgang Schivelbusch

[Band I]

Ja, wir haben uns schon darüber unterhalten, daß es mir jetzt wesentlich schwerer fällt, ich auch gar keine Lust hab', etwas Genaues zu sagen. Ich kann's auch gar nicht. Ich werde nach drei Jahren viel besser wissen, was ich jetzt gesehen habe und jetzt sehe. Das ist sicher eine Art von Aufnehmen der Realität, die auch durch die Arbeit bedingt ist. Ich weiß immer erst nach einem Jahr oder nach einem halben, was ich geschrieben habe. Ich kann also nur von subjektiven Sachen ausgehen und das ist, jetzt mal ganz dumm chronologisch, die sogenannte Vor-Vergangenheit meiner Amerikaerfahrung. Die erste Amerikaerfahrung war – so simpel das klingt – Karl May. Da habe ich mich also wenig unterschieden von den anderen meiner Generation. Und da war zunächst Amerika das Land der Bösen […], die die edlen Indianer ausgerottet haben. Es gab dann noch irgendwelche Deutschen, die daran auch beteiligt waren, die aber meist etwas rühmlicher beteiligt waren, also jetzt nicht nur bei Karl May.

Die zweite Sache, an die ich mich erinnere, war – und das gehört nun zu einem etwas realeren Amerikamythos –: Es gab in dem Dorf, wo ich geboren bin, ich glaube, Ende der 20er Jahre, eine große Vereinigung, das war ein Verein, der gegründet worden war, um das Morgensternsche Erbe gerecht zu verteilen unter seinen Verwandten im Erzgebirge. Das heißt, irgendwie war das Gerücht entstanden, daß ein Millionär namens Morgenstern, der aus dem Erzgebirge mal ausgewandert war, gestorben war und alle seine Verwandten im Erzgebirge – das war kurz vor der Depression – zu Erben eingesetzt hat. Und da ist eine Organisation gegründet worden zur Verwaltung dieses Erbes und [der] Verteilung. Es wurden ungeheuere Recherchen angestellt, um die Verwandten zu finden, es gab da etliche Leute, die Morgenstern hießen, und die Familien waren meist sehr verzweigt. Es sollte ohne große Streitigkeiten vonstatten gehen. Und diese Organisation hatte auch Kapital aufgehäuft mit der Zeit – wie das so ist, wenn man einen Verein gründet, hat man irgendwann auch Geld und weiß gar nicht wieso. Und sie haben dann sogar sehr soziale Sachen gemacht, die haben z. ‌B. – alles in Erwartung des großen Millionenerbes, das da kommen wird – Schwimmbäder gebaut. Mein erstes Schwimmbad in dem Dorf, wo ich geboren bin, war gebaut aus der Stiftung »Morgenstern«. Das Erbe kam aber nie an.

Die nächste Begegnung war bei Kriegsende, wo ich in Nord-Mecklenburg war in einer quasi militärischen Einheit, die Kreis-Arbeitsdienst hieß. Und wir wurden dann irgendwann Ende April in Richtung Südwesten in Marsch gesetzt, – ohne daß wir genau wußten, warum – aus dem Lager weg, wo wir ausgebildet worden waren. Und später war klar, daß unsere Führer das Bedürfnis hatten, lieber von den Amerikanern gefangen zu werden als von den Sowjets. Und das war wohl der einzige Grund für diesen Südwest-Marsch. Und da habe ich auch zum ersten Mal lebende Amerikaner gesehen, glaube ich, die mich dann auch gefangen haben; und bei mir hatte ich eine Flasche Anisschnaps, die ich irgendwo aufgelesen hatte. Unterwegs stieß man damals auf umgestürzte Flüchtlingstrecks und tote Pferde, auf alles mögliche. Und ich hatte eine Flasche Schnaps liegen sehen irgendwo, interessierte mich natürlich brennend, und die hab' ich mitgenommen und stellte fest, das war Anisschnaps. Aber bevor ich einen Schluck trinken konnte davon, nahm mir der Amerikaner – kassierte er mir – den Schnaps ab. Das hat ein bißchen die antiamerikanische Einstellung bei mir wiederbelebt, die von Karl May.

Als ich die ersten Stücke von Bond gelesen hab', war für mich zunächst die Fähigkeit imponierend, Sachen in Bilder, in sehr starke und sehr intensive Bilder zu übersetzen, also Vorgänge auf Bilder zu konzentrieren. Zum Beispiel wenn da in einer Szene ein Bauer erschlagen wird, dann eben hinter einem Wäschelaken, das seine Frau gerade auf die Leine gehängt hat, so daß das auf der Bühne keinen sehr guten Effekt macht. Ich meine das nicht negativ. Ich glaube, es hängt damit zusammen – so habe ich mir das damals erklärt – daß, wenn man schreibt und besonders fürs Theater schreibt, in dieser Welt wohl gegenüber den akustischen Reizen die Bilderwelt viel greller ist und viel beanspruchender, auch totalitärer. Ja, daß da ein Zwang entsteht mitzuhalten, wenn man Theater machen will, daß sich eben ein Zeitungskiosk sehen lassen kann. Eine Schwierigkeit, über diese Eindrücke hier zu reden, ist natürlich von dieser Ecke her (also von der Bilderwelt her usw.) nichts Neues für mich. Man braucht nur nach West-Berlin zu kommen oder in die Bundesrepublik, nach Frankfurt oder so, dann hat man den Aspekt genauso.

Wenn ich meinen Eindruck jetzt zusammenfassen wollte von diesem Land im Verhältnis zu Westdeutschland, dann ist das hier eine Gesellschaft – und das kann man nicht Gesellschaft nennen, das ist schon zu einheitlich –, dieses Konglomerat hier ist in dauernden Explosionen, […] explodiert ständig. Aber nie als Ganzes, weil es kein Ganzes ist. Und das ist zunächst mal ein Mittel, die zu wünschende große Explosion zu verhindern. Die wird verteilt, die verteilt sich. Also explodiert das ständig irgendwo.

[…]

Verteilt sich, ja, ja, ja. Was ich meine, ist zunächst etwas ganz Primitives: Das USA-Bild ist natürlich zunächst sehr global, wenn man aus unseren Ländern kommt; und man stellt sich da leicht, wenn man sich überhaupt etwas vorstellt, einen geschlossenen Block vor. Und wenn man hier ein paar Monate ist, merkt man, daß es da sehr verschiedene Blöcke gibt, und daß es auch keine Blöcke sind, die sich eben ständig aneinander reiben, gegeneinander bewegen und ineinander explodieren, wie auch immer. So ungefähr meine ich das. Ich hab' von Amerikanern gehört, daß für sie Frankfurt am Main schrecklicher ist als New York und eine amerikanischere Stadt ist; wobei sie voraussetzen, daß New York für sie schrecklich ist, was für sehr viele Amerikaner scheinbar gilt, die nicht in New York leben. Da ich Frankfurt kenne und es scheußlich finde – das ist klar –, brauchen wir das nicht zu begründen. Es war ja auch die erste Stadt, die wieder hochgejagt wurde. Das hat trotzdem immer noch – obwohl sicher die Stadtplanung ständig zusammenbricht und die Rechnung überhaupt nicht mehr aufgeht – was Ausgerechnetes, das in irgendeiner Weise durchkonstruiert oder präzise in Schubfächer aufgeteilt ist. Verglichen z. ‌B. mit New York oder auch mit Chikago. Ich meine, einerseits ist New York sicher eine Stadt, die verfault und zerfällt, aber im Zerfall bilden sich auch dauernd neue Zellen, und das ist schon beinahe ein Organismus geworden. Durch die Unlösbarkeit der Probleme kriegt das langsam einen organischen Charakter. Überträgt man das jetzt auf eine Stadt, auf die Geschichte, über die der Brecht geschrieben hat, wie der Wald diese […] Leute da auffrißt, so frißt die Stadt eben hier sich selber auf und kotzt sich selber aus, und dieser Übergang ist schon sehr interessant. Wo also die absolute Zivilisation jetzt im technischen Sinne umschlägt in den Dschungel.

[…]

Interessanter ist es für mich natürlich schon dadurch, daß hier die Dritte Welt vertreten ist, sie ist ein Element hier schon, auch wieder in ganz verschiedenen Erscheinungsformen.

[…]

Nicht nur in New York, überhaupt in den USA, sie ist auch im Land und nicht nur als Rohstoffbasis.

[…]

Es ist hier nur augenscheinlicher. Hier sind die Konfrontationen direkter, und hier ist der Druck stärker, und die Auseinandersetzungen sind wahrscheinlich gewaltsamer, oder es kommt schneller dazu. Ansonsten ist die Zivilisation grundsätzlich schon nicht anders. In Texas ist das relativ klinisch, da ist einfach eine klinisch-chirurgische Trennung von Rassen oder Farben, bei einem Beamten aus Boston z. ‌B., da wohnen meist Beamte der Universität von Cambridge. Ich glaube, die meisten Universitätsleute da haben nie den Teil der Stadt betreten,...

Erscheint lt. Verlag 17.8.2020
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Angry White Men • Antiamerikanismus • Berlin • Brecht • Coca-Cola • DDR • edition suhrkamp 2756 • Ende der Geschichte • ES 2756 • ES2756 • Für alle reicht es nicht • Hamletmaschine • Imperialismus • Kapitalismus • Kommunismus • Make America Great Again • Mauerfall • Mickey-Mouse • Neoliberalismus • Nordamerika (USA und Kanada) • Robert Wilson • Trump • Vereinigte Staaten von Amerika USA • Zizek
ISBN-10 3-518-76688-0 / 3518766880
ISBN-13 978-3-518-76688-0 / 9783518766880
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