Aus der Sackgasse (eBook)
240 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-26927-9 (ISBN)
Christiane Röder, in den Fünfzigern in Hamburg geboren und aufgewachsen. Wie so viele wollte auch sie schon als Kind ein Buch schreiben, schaffte aber nur vier Heftseiten und beschloss, das Vorhaben vorerst zu verschieben und stattdessen viel zu lesen, zu studieren, ein Kind großzuziehen und als Pädagogin zu arbeiten. Viele Jahre und viele Erfahrungen später begann sie mit dem Schreiben. Lernte das "Handwerk des Schreibens" in Workshops, Kursen und im Fernstudium der Textmanufaktur. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, von denen einige zusammen mit Geschichten anderer Autoren in Anthologien veröffentlicht wurden (Geschichten aus dem Keks, BoD, 2017; Pinneberg wortreich umkreist, Wiesenburg Verlag, 2017). Die Geschichte Auf Marga kann man zählen schaffte es auf die Short-List des Schreibwettbewerbs Federleicht, 2015. Aus der Sackgasse ist ihr erster Roman. Es geht um Anderssein und Ausgrenzung. Und es geht um das Miteinander, das oft schwierig ist, aber auch gelingen kann ...
Christiane Röder, in den Fünfzigern in Hamburg geboren und aufgewachsen. Wie so viele wollte auch sie schon als Kind ein Buch schreiben, schaffte aber nur vier Heftseiten und beschloss, das Vorhaben vorerst zu verschieben und stattdessen viel zu lesen, zu studieren, ein Kind großzuziehen und als Pädagogin zu arbeiten. Viele Jahre und viele Erfahrungen später begann sie mit dem Schreiben. Lernte das "Handwerk des Schreibens" in Workshops, Kursen und im Fernstudium der Textmanufaktur. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, von denen einige zusammen mit Geschichten anderer Autoren in Anthologien veröffentlicht wurden (Geschichten aus dem Keks, BoD, 2017; Pinneberg wortreich umkreist, Wiesenburg Verlag, 2017). Die Geschichte Auf Marga kann man zählen schaffte es auf die Short-List des Schreibwettbewerbs Federleicht, 2015. Aus der Sackgasse ist ihr erster Roman. Es geht um Anderssein und Ausgrenzung. Und es geht um das Miteinander, das oft schwierig ist, aber auch gelingen kann ...
1
Die Wölffin und die Alberts
Immer wieder zog es Leonie zu dem abgebrannten Haus. Miriam bemerkte es abends an den schmutzigen Schuhen ihrer Tochter. Es sei zu gefährlich dort, schimpfte sie jedes Mal, es habe seinen Grund, dass dort alles abgesperrt sei. Leonie sah das komplett anders. Schließlich war sie schon dreizehn und kein Baby mehr.
Zwischen notdürftig aufgestellten Bauzaunelementen schlüpfte sie geschickt hindurch. Luft anhalten – Bauch einziehen – und schon ging sie auf gruseligschöner, weicher Asche. Der Geruch von Verbranntem lag noch immer in der Luft, obwohl das schreckliche Ereignis schon Wochen zurücklag.
Leonie tastete sich vorsichtig an der zusammengeschmolzenen Eingangstür vorbei ins Innere. Heute war Mutprobentag. Zum ersten Mal betrat sie das Innere der Ruine. Licht zwängte sich durch das Dachgeschoss, vorbei an verkohlten Zündhölzern in Monsterformat, die dem Absturz trotzten. Ihr Herz pochte. Sie hielt sich eine Hand vor die Nase, atmete flach. Ein Lichtstrahl deutete wie ein Scheinwerfer auf eine kleine, fein berußte Dose, das Rosenmuster noch schwach erkennbar. Plötzlich ein Knarren. Bewegte sich eines der Riesen-Zündhölzer? Leonie stürzte hinaus ins grelle Licht des Sommertages, Luft anhalten – Bauch einziehen, zurück auf den Gehweg, ein rascher Blick in alle Richtungen – weiteratmen. Die schmale, kurze Sackgasse lag träge dösend in der Mittagshitze. Nur Strubbel schlich von einer Seite zur anderen, zwängte sich unter dem Gartenzaun von Dr. Sperling hindurch und verschwand. Mit dem Zipfel ihrer Bluse wischte Leonie die Rosen frei. Die Dose war leicht, war sie leer? Der Deckel klemmte. Mist.
»Na, da hast du wohl einen kleinen Schatz gefunden.«
Leonie sprang auf die Fahrbahn. Die Wölffin hatte sich angeschlichen und stand hinter ihrem Gartenzaun gleich neben der Ruine.
»Ist nur ´ne alte Dose.« Schwupps verschwand der Mutprobenfund hinter ihrem Rücken.
»Zeig doch mal her.« Die Wölffin öffnete ihre Gartenpforte.
Leonie blieb stehen. War ja klar, dass die Alte mal wieder ihre Augen überall hatte.
»Ich hab gutes Werkzeug, damit bekommen wir die Dose bestimmt auf.«
»Ich muss nach Hause. Meine Mutter wartet schon.«
»Deine Mutter ist bei der Arbeit, Leonie. Sie kommt doch erst am Abend nach Hause. Wenn du Lust hast, komm rein. Ich hab gerade frische Erdbeerschorle gemacht.«
Leonie spürte kleine Schweißperlen den Nacken hinunterlaufen. Geh auf keinen Fall zu der Wölffin rein, Leonie, hast du verstanden?
Warum wollte ihre Mutter das nicht? Gut, die Alte sah etwas merkwürdig aus mit ihren zauseligen grauen Haaren, dem T-Shirt mit BE-HAPPY-Aufdruck in ausgewaschenem Pink und Sandalen aus dem vorletzten Jahrhundert.
Die Erdbeerschorle lief jedenfalls prickelig frisch die Speiseröhre hinab, und das zweite Glas ebenfalls. Der Gartentisch war rau, kleine Splitter im farblosen Holz. Der Kater kam über den schiefen Gartenzaun am Ende des Grundstücks und strich Leonie um die Beine. Rasch zog das Mädchen die Füße hoch. Die Wölffin schenkte nach. »Da bist du ja, Strubbel, was treibst du dich bei dieser Hitze rum, leg dich zu uns in den Schatten, Herzchen.« Sie spannte den Sonnenschirm auf, kleine Löcher in verblassten Sonnenblumen. »So, jetzt hol ich mal das Werkzeug, wär doch gelacht, wenn wir die Dose nicht aufbekämen.«
Sie verschwand erneut in ihrem Hexenhäuschen mit dem windschiefen roten Dach, die Fenster so klein und schmal, dass jeder Einbrecher stecken bliebe. Was soll dort auch schon zu holen sein.
Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, um zu verschwinden.
Noch rasch einen Schluck. Da kam die Wölffin schon mit einem Schraubendreher. Im Nu war der Deckel locker, und die alte Frau gab ihr die Dose wieder, ohne hineinzuschauen.
Leonie hob vorsichtig den Deckel ab und entdeckte unzählige kleine bedruckte Zettelchen.
»Die kenn ich vom Chinesen, die sind aus den Glückskeksen.« Leonis Mundwinkel samt Schultern wanderten nach unten, trotzdem nahm sie ein Zettelchen heraus.
»Was steht drauf?« Die Wölffin beugte sich zu ihr. Sie roch nach Erdbeeren, gar nicht nach Muff, wie Mama behauptete.
»Da steht: An einem Dienstag wirst du Glück haben.«
»Das ist doch lustig, heute ist Dienstag, und wir beide lernen uns endlich mal kennen. Wenn das kein Glück ist! Schließlich wohnt ihr ja schon ein paar Monate hier.« Die Wölffin schaute ihr in die Augen. Hellblaue Augen, wie ein Husky. Sie hat so einen komischen Blick, Leonie, irgendwas stimmt mit der nicht. Mach einen Bogen um sie.
Leonie schloss hastig die Dose und schlüpfte in ihre Sandalen. »Ich muss jetzt gehen. Danke für die Erdbeerschorle.«
»Du kannst gern noch bleiben. Wir könnten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen. Hast du Lust?«
Miriam schloss die Haustür auf.
»Hallo Leo, bin wieder da. Leo?«
Warum antwortete sie nicht? Lag sie wieder mit Kopfhörern auf ihrem Bett? Bei diesem Wetter? Miriam stampfte die Treppe hinauf und klopfte an Leonies Tür. Kein Mucks. Auf dem Bett lag ihr Handy. Hatte sie sich doch mal wieder mit den Mädchen verabredet und vergessen, es ihr zu schreiben? Ein kurzer Anruf bei Emmas Mutter und Miriam erfuhr, dass die Mädchen-Clique im Schwimmbad war. Alle – außer Leo. Wo steckte ihre Tochter? Doch nicht wieder bei dem abgebrannten Haus? Miriam spürte, wie sich wieder eine dieser Hitzewellen in ihrem Körper ausbreitete und sie zum Glühen brachte. Rasch wischte sie sich den Nacken trocken und schlüpfte in ihre Sandalen. Zum Glück war das abgebrannte Haus gleich nebenan. Sie stellte sich an den Bauzaun und rief Leonies Namen. Im Nachbargarten regte sich etwas. Nur nicht hinschauen. Auf keinen Fall wollte sie mit dieser schrulligen Alten in Kontakt kommen.
»Hallo, Mama, hier bin ich.«
»Was machst du bei der W… Frau Wolff?«
»Erzähl ich dir gleich. Tschüs, Frau Wolff.« Leonie trat auf den Fußweg und umarmte ihre Mutter. Frau Wolff kam langsam ans Gartentor und winkte. »Tschüs, Leonie, bis zum nächsten Mal. Hallo, Frau Albert.«
»Hallo Frau Wolff, schönen Abend noch.« Miriam nahm ihre Tochter am Arm und schob sie schnellen Schrittes nach Hause.
»Mama, ich versteh nicht, was du gegen die Wölffin hast. Sie ist echt nett und sie riecht überhaupt nicht komisch.«
»Komm, Leo, iss deine Spaghetti, die werden sonst kalt.«
»Das ist keine Antwort, Mama.«
»Ich hab halt so ein komisches Gefühl. Sie lebt so … so anders und sieht auch nicht gerade gepflegt aus. Außerdem reden die Nachbarn auch so einiges über sie.«
»Wer? Herr Möller etwa? Der hat doch an allem und jedem was zu meckern. Bestimmt redet er auch über uns, weil Papa so oft weg ist und du so lange arbeitest.«
»Musst du noch Hausaufgaben machen?«
»Mama!«
»Ja, schau dir doch nur mal ihren Garten an. Unkraut, wohin man sieht, und das Haus ist völlig heruntergekommen. Sie hat doch seit Jahren nichts mehr machen lassen, und überall streunt ihre Katze rum.«
Leo schob mit Schwung ihren Teller von sich.
»Ah, Mama Perfect mit ihrer Tierphobie!«
»Leo, jetzt werd nicht gemein!«
»Ich geh rauf, bin müde. Die leckere Erdbeerschorle von Frau Wolff war bestimmt vergiftet, das sind die ersten Anzeichen.«
Miriam schaute ihrer Tochter nach und seufzte. Das war nun ihr Feierabend: ihre Tochter stocksauer, ihr Mann hunderte Kilometer weit weg und draußen das schönste Sommerwetter. Sie trat auf die Terrasse. Der Rasen musste gemäht werden, und das Unkraut zwischen den Terrassenfliesen wuchs drauflos, als wollte es einen Rekord brechen. War Denis das am Wochenende nicht aufgefallen? Immer blieben die stupiden Arbeiten in Garten und Haus an ihr hängen. Wie machte man eigentlich Erdbeerschorle? Im Internet fand sie ein Rezept mit frischen Erdbeeren, Pfefferminzblättern, Honig und Zitronensaft. Klang lecker.
Es klingelte an der Tür.
»Hallo, Frau Albert, meinem Strubbel geht es plötzlich schlecht. Könnten Sie uns zum Tierarzt fahren? Die Sprechstunde ist gleich vorbei, und ich hab doch kein Auto.«
Die Wölffin knetete ihre abgewetzte Handtasche. Neben ihr auf dem Boden im Transportkorb lag der Kater, flach und schnell atmend.
»Warten Sie, ich hol nur meine Schlüssel.«
»Oh, Gott, hoffentlich hat er kein Gift gefressen.« Die Wölffin schnallte sich an. »Es kam so plötzlich.«
»Der Arzt wird ihm schon helfen. Es ist ja nicht weit.” Miriam musste an die Fahrt ins Krankenhaus denken, als Leonie noch ein Baby war. Um Mitternacht waren sie mit ihr losgefahren, weil sie so schrie und überall...
| Erscheint lt. Verlag | 13.4.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Ängste • Anonmymität • Ausgrenzung • Fremdenfeindlichkeit • Gemeinschaft • Großstadt • Hamburg • Jung und Alt • Konflikte • Lösungen • Minderheiten • Obdachlosigkeit • Roman • sozialkritisch • Vorurteile |
| ISBN-10 | 3-347-26927-6 / 3347269276 |
| ISBN-13 | 978-3-347-26927-9 / 9783347269279 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich