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Aufstehen und weitermachen (eBook)

Ein Leben für die Kochkunst
eBook Download: EPUB
2024 | 2. Auflage
300 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-6484-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Aufstehen und weitermachen -  Fatima Dyduch Tissafi,  Erich Häusler
Systemvoraussetzungen
9,49 inkl. MwSt
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«Aufstehen und Weitermachen. Ein Leben für die Kochkunst» ist ein Plädoyer an das Leben. Es ist eine fesselnde Biografie von Erich Häusler (geb. 1946) - dem Starkoch aus Hamburg, der den ersten Michelin-Stern in die Hansestadt geholt hatte. Sein abenteuerlicher Weg von Vorarlberg über Paris nach Hamburg wird im historischen Kontext der Nachkriegsjahre dargestellt und vermittelt emotionsgeladene Lebensweisheiten sowie einen unbändigen Lebenswillen. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen im privaten, beruflichen Umfeld und der geopolitischen Entwicklung in Europa und der Welt ist diese Schlüsselkompetenz heute besonders aktuell. Tauchen Sie ein in die spannungsgeladene Reise eines Meisterkochs mit seinem Lebenscredo: «Stets weiterzumachen, auch wenn alles verloren zu sein scheint!»

Fatima Dyduch Tissafi, geb. in Paris, aufgewachsen in Hamburg, studierte in Fribourg/CH Theologie, Philosophie und Journalistik. Sie arbeitete in diversen Berufsfeldern bevor sie sich als freischaffende Theologin selbständig machte. Dank ihres multikulturellen Hintergrundes hat sie früh gelernt, das konstruktiver Dialog und gegenseitiger Respekt unverzichtbar für ein friedliches Miteinander sind und das der erste Schritt bei einem Selbst beginnt. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Schweiz. Ihr Lebensmotto: Manchmal musst du nach den Sternen greifen, um den Himmel auf Erden zu bringen!

Jugendzeit – Aufbruch


Pinkfarbener Plastikumschlag


Ich erinnere mich noch lebhaft an den Tag, an dem ich zufällig meinen Onkel Emil in der Stadt treffe. Heute weiß ich, dass es kein Zufall war. Denn ich bin zutiefst davon überzeugt und habe es erfahren, dass unerwartete Begegnungen unser Leben schlagartig verändern können. Manchmal braucht es nur einen Funken, um ein Feuer zu entfachen. Mein Onkel ist der Funken, der in mir das Feuer entfacht! Doch auf den Moment, bis das Feuer brennt, muss ich noch einige Jahre warten.

»Erich, wir haben beschlossen, dich auf das humanistische Gymnasium zu schicken. Deine Noten sind gut«, teilen mir meine Eltern mit, als ich mit meinen Freunden zum Baden gehen will.

Ich nehme die Entscheidung zur Kenntnis, ohne zu ahnen, was dies heißt, denn ich bin gerade einmal elf Jahre alt. Leider hat das Gymnasium nichts mit der antiken Vorstellung gemeinsam. Das Gymnasion im alten Griechenland war ein Übungsplatz für Leibesübungen. Später wandelte es sich zu einem Versammlungsort für Philosophen. Erst danach entstand der Begriff Gymnasium – eine Lehranstalt, wie wir sie heute kennen.

Mein erster Schultag im Gymnasium lässt mich schnell erahnen, dass weder die körperliche noch die geistige Schulung im Zentrum steht, vielmehr die monotone, wortgetreue Repetition von Lehrinhalten, die der zuständige Lehrer zu vermitteln beauftragt ist.

Das Fach Latein beginnt für mich zu einer regelrechten Qual zu werden. An dem Tag, an dem ich die grammatikalischen Fälle dieser toten Sprache für eine Klassenarbeit repetiere, fühle ich mich sterbenselend.

Bei meinem Vater, dem unfehlbare Lehrer, schrillen die Alarmglocken, als er von seinem Freund, Dr. Reichard, meinem Lateinlehrer, vernimmt: »Erich hat weder Interesse noch begreift er die lateinische Sprache.«

Mein Vater ist erschüttert. Nun bin ich sein Opfer, an dem er seine im Eigenstudium erworbenen Kenntnisse erprobt. Er hofft, dass sein Heimunterricht meine Lage verändert – leider ohne Erfolg. Ich bin paralysiert und blockiert; meine schulischen Leistungen fallen in den Keller. Bei der letzten Übersetzungsarbeit gibt es erneut ein ungenügend. Wenn wir eine Klassenarbeit zurückbekommen, ist es für mich ein Horror. Mein Heft hat einen pinkfarbenen Plastikumschlag, den mir meine Mutter eingebunden hat, damit es sich nicht so schnell abnutzt. Wenn Herr Reichard die Hefte aus seiner Aktentasche nimmt und auf sein Pult legt, sehe ich schon von Weitem, an welcher Position meines liegt. Die beste Arbeit liegt ganz oben. Dieser Schüler bekommt eine Tafel Milka-Schokolade. Zu diesen Glücklichen zähle ich während meiner Schulzeit nie.

Die schlechteste Arbeit liegt ganz unten. Es ist mein pinkfarbenes Heft. Ich weiß, was dies heißt. Wie üblich muss jede zurückgegebene Arbeit von einem Elternteil unterschrieben werden. Normalerweise unterschreibt Mama meine Arbeiten, aber diesmal ist sie gerade im Krankenhaus. Am Nachmittag schleiche ich um das Krankenhaus, um Zugang zu meiner Mutter zu finden. Jedoch haben Kinder ohne Begleitung von Erwachsenen keinen Zutritt, und so verwerfe ich meinen Plan, Mama um ihre Unterschrift zu bitten.

Der Zeitdruck, den ich empfinde, ist unerträglich: Was mache ich nur? Morgen muss ich die Arbeit unterschrieben Herrn Reichard abgeben, wiederholen sich meine verzweifelten Gedanken wie eine regelmäßig tickende Uhr, ohne einen Ausweg aus meiner misslichen Lage zu finden. Meine Angst vor der Strafe des Vaters steigert sich ins Unermessliche, sodass ich zu einem Plan greife, über dessen Konsequenzen ich mir in diesem Moment nicht bewusst bin. Der einzige Ausweg, den ich sehe, ist, die Unterschrift meines Vaters zu fälschen, um mich von diesem übermäßigen Druck zu befreien. An diesem Abend übe ich die Unterschrift so lange, bis sie der seinen gleicht.

Erschöpft nach einer fast schlaflosen Nacht gebe ich das Heft am nächsten Morgen mit der gefälschten Unterschrift ab. Allerdings vergesse ich vor lauter Aufregung, den Aufgabenzettel mit den Korrekturen ins Heft zu kleben. Die Katastrophe ist vorprogrammiert, denn wenn jemand vergisst, den Zettel hineinzulegen, gibt es für die ganze Klasse eine Stunde Nachsitzen.

Als mein Lehrer die Stimme hebt, weiß ich, dass es kein Zurück gibt: »Wo ist dein Aufgabenblatt?«

»Ich habe es vergessen«, erwidere ich kleinlaut.

Ohne weiter Notiz von mir zu nehmen, wendet er sich hämisch an die Mitschüler: »Ihr wisst, wem ihr es zu verdanken habt, nach dem Unterricht nachzusitzen?«

Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen, als ich die entrüsteten Augen meiner Mitschüler von allen Seiten auf mich gerichtet spüre.

»Eurem Mitschüler Erich! Es scheint mir nur recht und billig, wenn ihr ihm Klassenprügel verabreicht«, fährt Herr Reichard fort.

Ich traue meinen Ohren nicht und beschließe, nach dem Unterricht in die Toilette zu verschwinden und dort zu warten, bis alle fort sind. Nach einer gefühlten Ewigkeit nehme ich einen großen Umweg von der Schule nach Hause und komme ohne Prügel vor dem Abendessen an.

Schlimmer kann es nicht werden


Alles wird nur noch schlimmer. Meine Mama muss länger als erwartet im Krankenhaus bleiben. Beim Elternsprechtag legt Dr. Reichhart meinem Vater die missratene Lateinarbeit vor und sagt in mitleidigem Ton: »Du weißt ja, wie es um die Lateinnote bestellt ist. Du hast sie selbst unterschrieben.«

Ohne auf Papas Antwort zu warten, auf die er lange hätte warten können, da mein Vater erstarrt, bietet er ihm freundschaftlich an: »Ich kann Erich einige Stunden Nachhilfeunterricht geben, wenn du willst. Vielleicht hilft das.«

Mein Vater glaubt zu wissen, was mir hilft. Ich leide schon den ganzen Tag an chronischen Magenschmerzen. Als er vom Elternsprechtag in die Küche kommt, fordert er mich auf, mit ihm in den Waschkeller zu gehen. Ich folge ihm wie ein treues Schaf seinem Hirten. Als ich die steile Treppe zum Keller hinuntergehe, ahne ich, dass dies nichts Gutes verheißt. Im Waschkeller zieht mein Vater den kurzen Wasserschlauch vom Hahn ab, und bevor ich realisiere, was passiert, peitscht er damit wie vom Teufel besessen auf mich ein und faucht: »Du Unterschriftenfälscher, du beschmutzt meinen Namen! Na warte, Bürschchen, ich werde dir zeigen, was sich gehört.«

Ich halte instinktiv die Hände über dem Kopf, kauere auf dem Betonboden in Embryostellung auf dem Ablaufsieb des Waschkellers und verliere nahezu die Besinnung. Während pausenlos die Schläge auf meinen Körper prasseln, empfinde ich keinerlei Schmerzen. Mit jedem Schlag werde ich abgestumpfter und fühle mich verletzt. Die seelische Qual ist so groß, dass ich ihm lautstark die Worte entgegen schmettere: »Schlag mich doch tot, dann habe ich es hinter mir!«

In diesem Moment erwacht mein Vater aus seiner schäumenden Wut. Augenblicklich hört er auf, unkontrolliert auf mich einzuschlagen, und brüllt in hilfloser Verzweiflung: »Einen Monat Hausarrest und ab jetzt Nachhilfe bei Dr. Reichhart!«

Insgesamt gehe ich nur zwei Stunden zu der Nachhilfe bei meinem Erzfeind. Meine Eltern geben mir das Geld auf die Hand, um jede Stunde bar zu bezahlen. Die weiteren geplanten Nachhilfestunden schwänze ich permanent. Egal, welche Konsequenz das für mich hat. Von dem Geld kaufe ich meiner Mama Kakteen, verbunden mit der Lüge, ich habe sie von einem Freund geschenkt bekommen. Kakteen als Symbol für verletzte Liebe. Meine Liebe ist so stark verletzt und die seelischen Wunden so tief in mir eingegraben, dass ich an diesem Tag meinen Vater verliere. Seit dem Vorkommnis im Waschkeller ist das Vertrauen in meinen Vater gestorben. Das zerbrochene Verhältnis zu ihm zeigt sich Wochen später in einer solchen Intensität, die nur aus dem Trauma der vergangenen Geschehnisse zu verstehen ist.

An einem sonnigen Sommertag in den Schulferien begleitet mich mein Vater zum Bodensee, um mir das Schwimmen beizubringen. »Halte dich an meinem Rücken fest, ich gehe langsam ins Wasser«, so seine Anweisung.

Wie auf Befehl kralle ich mich mit all meinen Kräften an ihm fest. Als mir das Wasser bis zum Hals steht und ohne Erbarmen meinen Mund erreicht, verschlucke ich mich elend und zappele. Ich kralle mich an Papas Hals fest wie ein Ertrinkender, der um sein Leben bangt. Ich schlucke Wasser. Es kommt mir aus den Ohren und der Nase raus und ich erlebe erstmals Todesangst.

Sofort bricht mein Vater den Versuch ab und stammelt: »Wie dumm bist du! Willst du, dass wir beide ertrinken? Wie kannst du mich so würgen? Stell dich gefälligst nicht so an!«

Nach mehreren weiteren Versuchen beendet er die Schwimmaktion. Schlotternd und voller Panik steige ich aus dem Wasser. Ich beschließe, mir das Schwimmen selbst beizubringen.

Ich kann ihn nicht riechen


Der Geruchssinn ist der älteste Sinn, der schon im Mutterleib geprägt wird. Er ist der einzige Sinn, der einen direkten Zugang zum Zentrum der Erinnerungen und der Emotionen im Gehirn hat, zum sogenannten Hippocampus und zum limbischen System. In der Evolution hat er...

Erscheint lt. Verlag 9.8.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Biografie eines Küchenmeisters • Der Weg einer Berufung • Nachkriegszeit in Vorarlberg • Scheitern und Erfolg • Sohn des Lehrers • Sternekoch in Hamburg
ISBN-10 3-7597-6484-3 / 3759764843
ISBN-13 978-3-7597-6484-3 / 9783759764843
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