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Café mit Herz und Meerblick | Ein wholesome Liebesroman mit viel Zucker und einem Happy End (eBook)

Zwischen Kuchenduft und Leckereien

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 2. Ausgabe
265 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-128-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Café mit Herz und Meerblick | Ein wholesome Liebesroman mit viel Zucker und einem Happy End - Inga Schneider
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Zwischen leckerem Gebäck und salziger Meeresluft findet man die große Liebe
Ein herzerwärmender Liebesroman an der Ostsee – mit großen Gefühlen und süßem Finale

Als Lotte ihren Freund beim Fremdgehen erwischt, flüchtet sie kurzerhand an die Ostsee - zu Tante Anni und ihrem kleinen, charmanten Café in Flensburg. Zwischen Æbleskiver und dem Duft von Kaffee und Zimt, findet Lotte vor allem eines: leere Kassen. Sie setzt alles daran, dem Café neues Leben einzuhauchen und ihrer Tante zu helfen. Mit einer ordentlichen Portion Liebe und ganz viel Hygge, macht Lotte sich an die Arbeit. Unterstützung bekommt sie dabei vom charmanten Fischbrötchenverkäufer Kasper, der ihr Herz schneller schlagen lässt, als ihr lieb ist. Alles läuft wie geplant und die Zeit vergeht, bis ein altes Familiengeheimnis das bevorstehende Jahresende plötzlich noch kälter wirken lässt - und Lotte vor eine Entscheidung stellt, die alles verändern könnte ...

Dies ist eine Neuauflage des bereits erschienenen Titels Annis kleines Café am Meer.

Erste Leserstimmen
„Es war wie eine Flucht aus dem Alltag und ich hatte das Gefühl, direkt am Meer zu sein!“
„Ein traumhafter Liebesroman zum Dahinschmelzen – für mich die perfekte Urlaubslektüre.“
„Bei dem Fischbrötchenverkäufer würde ich auch schwache Knie bekommen. Eine richtig schöne Liebesgeschichte.“
„In dem Café würde ich auch gerne mal sitzen. Richtig idyllisch und heimelig beschrieben.“



<p>Inga Schneider, geb. 1978 in Flensburg, ist eine waschechte &bdquo;Flensburger Deern&ldquo;. Sie geh&ouml;rt der D&auml;nischen Minderheit in S&uuml;dschleswig an und lebt zusammen mit ihrem Mann, ihrer Tochter und Katze Lilli in Flensburg. Nach dem Abitur studierte sie zun&auml;chst einige Semester Kultur und Sprache in D&auml;nemark und Nordirland, bevor sie ein Volontariat beim privaten Rundfunksender Radio Schleswig-Holstein (R.SH) absolvierte. Heute ist sie als Redakteurin bei der d&auml;nischen Tageszeitung <i>Flensborg Avis</i> t&auml;tig. Sie schreibt Unterhaltungsromane f&uuml;r Frauen, Liebesromane und Cosy Crimes. Ihre B&uuml;cher sind oft vom Leben und den Menschen im Land zwischen den Meeren inspiriert.</p>

<h2>Kapitel 1</h2> <p>Flensburg. Ausgerechnet Flensburg. Theoretisch sollte sie gar nicht hier sein. Nicht jetzt. Sie sollte in M&uuml;nchen &uuml;ber den Viktualienmarkt schlendern, erste Weihnachtseink&auml;ufe t&auml;tigen und sich auf die Gl&uuml;hwein-Saison und die ersten Schneeflocken freuen. Doch stattdessen war sie hier. Im Norden. Im Regen.</p> <p>Lotte nahm ihre Brille ab und warf einen misstrauischen Blick gen Himmel, als sie am Bahnhof aus dem Zug stieg. Sie hasste Regentropfen auf den Brillengl&auml;sern und &auml;rgerte sich, dass sie sich heute Morgen gegen Kontaktlinsen entschieden hatte. Seit sie Hamburg verlassen hatte, hatte sich der Himmel mehr und mehr zugezogen. Kurz vor Flensburg hatte es angefangen wie aus K&uuml;beln zu sch&uuml;tten und seitdem nicht mehr aufgeh&ouml;rt.</p> <p>&bdquo;Was soll&rsquo;s&ldquo;, seufzte sie, schn&uuml;rte ihren Mantel enger und zog den Trolley &uuml;ber den nassen Bahnsteig in Richtung Ausgang. Ihre schwarzumrandete Brille verstaute sie in der Manteltasche. Zum Gl&uuml;ck war sie nicht schwer kurzsichtig und hatte keine Probleme den Weg in Richtung Ausgang zu finden. Au&szlig;erdem w&uuml;rde sie ja nicht lange im Regen stehen. Anni hatte versprochen, dass sie jemand vom Bahnhof abholen w&uuml;rde.</p> <p>Der Bahnhof hatte schon bessere Tage erlebt. &Uuml;ber mehrere Treppen gelangte Lotte in einen dunklen, grotten&auml;hnlichen Tunnel, dessen W&auml;nde mit Graffitis beschmiert waren, und der die beiden Bahnsteige mit der Eingangshalle verband. Es roch muffig und ein wenig nach Urin, als sie an den &ouml;ffentlichen Toiletten vorbeiging.</p> <p>Lotte sch&uuml;ttelte sich, sodass ihr blonder Pferdeschwanz nach links und rechts wippte. Im Tunnel setzte sie die Brille wieder auf und w&uuml;nschte sich im gleichen Augenblick, sie h&auml;tte es nicht getan. Der Anblick gefiel ihr ganz und gar nicht. Der Flensburger Bahnhof war zwar noch nie eine Sch&ouml;nheit gewesen, aber so schrecklich hatte sie ihn nicht in Erinnerung gehabt. Oder hatte sie einfach nur einen schlechten Tag erwischt? Immerhin war es mehr als 15 Jahre her, seit sie das letzte Mal einen Fu&szlig; in die Stadt gesetzt hatte. War sie damals &uuml;berhaupt mit dem Zug gekommen? Oder hatten sie ihre Eltern gefahren? Lotte kramte in ihrer Erinnerung, kam jedoch zu keinem Ergebnis.</p> <p>Der Weg durch die Eingangshalle war kurz. Nach wenigen Metern erreichte sie den Ausgang und stand mitten im str&ouml;menden Regen. Links und rechts von ihr huschten andere Reisende in bereitstehende Taxen, doch von Lottes Chauffeur war weit und breit nichts zu sehen.</p> <p>Sie verharrte vor dem Eingang und sah sich um. Sie sollte doch abgeholt werden oder? Langsam leerte sich der Bereich vor dem Eingang, Taxen und Busse brausten davon, Menschen verschwanden mit ihren Familien und Freunden in Richtung Parkpl&auml;tze. Nur Lotte blieb allein im Regen zur&uuml;ck. Auf ihrer Brille sammelten sich immer mehr Regentropfen. Lotte nahm sie erneut ab und steckte sie genervt zur&uuml;ck in die Manteltasche.</p> <p>Bei ihrem letzten Aufenthalt in Flensburg war Lotte fast noch ein Kind gewesen. Damals als Teenager hatte sie einen Gro&szlig;teil der Sommerferien bei Tante Anni verbracht. Anni war die Schwester von Lottes Mutter Doris. Die beiden waren zusammen in Flensburg aufgewachsen und als Kinder ein Herz und eine Seele gewesen. Doch irgendetwas hatte die beiden entzweit und zwischenzeitlich waren sie getrennte Wege gegangen. Lottes Mutter hatte in M&uuml;nchen studiert und dort auch Lottes Vater Maximilian kennengelernt. &Uuml;ber Anni und den Flensburger Teil der Familie war jahrelang kaum gesprochen worden. Erst als Lotte mit der Grundschule fertig war, hatten die beiden Schwestern wieder Kontakt und Lotte verbrachte viele Sommer an der Flensburger F&ouml;rde. Jetzt war sie zur&uuml;ck. Anfang 30, kinderlos und immer noch &ndash; oder sollte sie besser sagen wieder &ndash; Single.</p> <p>Im gemeinsamen Mallorca-Urlaub hatte Lotte ihren Freund Paul beim Fremdv&ouml;geln mit der drallen Blondine aus der Nachbars-Finca erwischt. Das war vor zwei Monaten gewesen. Richtig begriffen hatte sie das Geschehene immer noch nicht. Kurz vor ihrer Abreise in die Ferien hatten beide Zukunftspl&auml;ne geschmiedet, wollten im kommenden Jahr zusammenziehen, vielleicht sogar heiraten und Kinder kriegen. Und jetzt?</p> <p>Es sei ein hormonell bedingter Ausrutscher gewesen, hatte Paul gesagt, nachdem Lotte ihn und die Nachbarin beim Stelldichein auf dem K&uuml;chentisch erwischt hatte. Die Bilder verfolgten sie noch heute.</p> <p>Hals &uuml;ber Kopf hatte Lotte ihn und die Finca daraufhin verlassen und war in ein Hotel in Cala Millor gezogen. Drei Tage und zwei N&auml;chte hatte sie es in dem Bettenbunker ausgehalten und sich durchs All Inclusive-Buffet geschlemmt. Am vierten Tag war sie zur&uuml;ck nach M&uuml;nchen geflogen und hatte mit ihrem bisherigen Leben kurzen Prozess gemacht.</p> <p>Sie hatte ihren gut bezahlten Job in der stadtbekannten Werbeagentur &bdquo;Wolkentr&auml;ume&ldquo; gek&uuml;ndigt. Nur so konnte sie sicher sein, ihrem fremdgehenden Ex-Lover nicht mehr &uuml;ber den Weg zu laufen. Paul war nicht nur Lottes Freund gewesen, sondern auch Miteigent&uuml;mer der Werbeagentur. Eine ungl&uuml;ckliche Konstellation, wenn man das Ende der Beziehung betrachtete. Aber wer denkt schon an so etwas, wenn man frisch verliebt ist?</p> <p>Lotte hatte ausgezeichnete Referenzen und z&auml;hlte zu den Top-K&ouml;pfen von &bdquo;Wolkentr&auml;ume&ldquo;. Sie hatte angenommen, andere Agenturen w&uuml;rden sie mit Kusshand empfangen, jetzt wo sie dem Arbeitsmarkt wieder zur Verf&uuml;gung stand.</p> <p>Doch Lotte hatte die Rechnung ohne den M&uuml;nchener Arbeitsmarkt und, was noch schwerwiegender war, ohne Paul gemacht. Dieser hatte die Zeit, die er alleine in der Finca auf Mallorca sa&szlig;, dazu genutzt, Lottes Ruf in der Branche zu ruinieren. Sie habe nur Karriere machen wollen und sei von Anfang an auf sein Geld aus gewesen, hatte er die Branchenriesen wissen lassen. Paul hatte jegliches Klischee bedient und nichts ausgelassen, um daf&uuml;r zu sorgen, dass die Agenturen Lotte mieden wie Katzen das Wasser. Es war alles wie in einem schlechten Film.</p> <p>Zu allem &Uuml;bel hatte Lottes Vermieterin davon Wind bekommen, dass Lotte kein regelm&auml;&szlig;iges Einkommen mehr hatte und ihr nahegelegt, sich entweder einen neuen Job oder eine andere Wohnung zu suchen. Da beides in M&uuml;nchen nahezu unm&ouml;glich war, schien Lottes Schicksal besiegelt. In Gedanken sah sie sich schon auf der Parkbank oder unter der Br&uuml;cke n&auml;chtigen.</p> <p>Doch dann hatte Tante Anni angerufen. Ihre Lieblingstante hatte sich beim Sturz von der Leiter die Schulter gebrochen und brauchte dringend Hilfe in ihrem Caf&eacute;. Da sie Annis einzige Verwandte war, die noch in Deutschland lebte &ndash; und da sie M&uuml;nchen auf Deutsch gesagt mal kreuzweise konnte &ndash; hatte Lotte sich kurzerhand auf den Weg gemacht.</p> <p>Und jetzt war sie hier. Am Arsch der Welt. Am Ende von Deutschland. Am Anfang von D&auml;nemark. Wer wusste das in Flensburg schon so genau?</p> <p>&nbsp;</p> <p>Lottes Magen knurrte. Seit sie heute fr&uuml;h in M&uuml;nchen in den Flieger nach Hamburg gestiegen war, hatte sie au&szlig;er einem Croissant und einer T&uuml;te Salzlakritz kaum etwas Vern&uuml;nftiges gegessen. Sie warf einen hastigen Blick auf die Uhr &uuml;ber dem Eingang und anschlie&szlig;end auf ihr Handy. Es war kurz vor vier. Wer auch immer sie abholen wollte, hatte mittlerweile fast eine Viertelstunde Versp&auml;tung oder sie schlichtweg vergessen.</p> <p>&bdquo;Frechheit&ldquo;, fluchte Lotte und wollte sich gerade in Richtung Taxistand umdrehen, als jemand wild gestikulierend auf sie zust&uuml;rmte. Lotte kniff die Augen zusammen um besser sehen zu k&ouml;nnen. Meinte der Typ im Friesennerz wirklich sie?</p> <p>&bdquo;Lotte? Lotte Christiansen?&ldquo;, rief der Fremde, w&auml;hrend er &uuml;ber das rutschige Kopfsteinpflaster lief. &bdquo;Bist du Lotte?&ldquo;</p> <p>Lotte betrachtete ihr Gegen&uuml;ber. Der Mann hatte die Kapuze seines gelben Regenmantels tief ins Gesicht gezogen. Die Jeans steckten in dunkelblauen Gummistiefeln und unter der halb geschlossen Regenjacke lugte ein blau-wei&szlig; gestreiftes Fischerhemd hervor. Es schien, als hatte sie es mit einem waschechten Einheimischen zu tun.</p> <p>&bdquo;Bist du Lotte?&ldquo;, wiederholte der Mann seine Frage.</p> <p>Lotte nickte. &bdquo;Und du bist &hellip;?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Gro&szlig;artig. Super, dass du gewartet hast. Menschen aus der Gro&szlig;stadt sind doch normalerweise nicht so geduldig&ldquo;, lachte er. Lotte konnte sehen, wie seine wei&szlig;en Z&auml;hne kurz aufblitzten.</p> <p>&bdquo;Scherzkeks, was?&ldquo; Lotte betrachtete ein paar Regentropfen, die sich in den Bartstoppeln des Fremden verfangen hatten und auf- und abtanzten, w&auml;hrend er den Kopf zur Seite legte.</p> <p>&bdquo;Nein, Kasper. Dein Chauffeur f&uuml;r heute. Anni hat mich beauftragt, dich zum Haus zu bringen.&ldquo; Er reichte Lotte die Hand und sch&uuml;ttelte sie kr&auml;ftig. &bdquo;Sch&ouml;n, dich kennenzulernen. Wollen wir uns ein trockenes Pl&auml;tzchen suchen? Mein Wagen steht die Stra&szlig;e runter.&ldquo; Kasper deutete auf die Kastanienallee, die vor ihnen lag, und bemerkte Lottes skeptischen Blick. &bdquo;Kommst du mit oder soll ich mit dem Wagen vorfahren? Scheint, als h&auml;ttest du keine Regenklamotten dabei&ldquo;, schlussfolgerte er und warf einen Blick auf Lottes Outfit.</p> <p>Ihr karamellfarbener Wollmantel war durchn&auml;sst und in ihren dunkelbraunen Pumps sammelte sich das Wasser zu einer Pf&uuml;tze. Sie hatte nicht einmal an Regen gedacht, als sie gestern in M&uuml;nchen die Koffer gepackt hatte.</p> <p>&bdquo;Wird schon gehen&ldquo;, murmelte Lotte kleinlaut. &bdquo;Nass bin ich jetzt ja eh schon.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nichts wie los!&ldquo; Kasper griff nach Lottes Trolley und ging vorweg. Lotte folgte ihm. Das konnte ja heiter werden.</p> <div class="divider"></div> <div class="divider"></div> <p>Kasper hatte seinen Lieferwagen unter einer gro&szlig;en Kastanie am Ende der Bahnhofstra&szlig;e geparkt. Als sie dort ankamen, war Lotte vollends durchn&auml;sst und einzelne Regentropfen, die durch das Bl&auml;tterdach der Kastanien tropften, rannen ihren Nacken herunter &uuml;ber den R&uuml;cken bis zum Po. Sie griff in ihren Pferdeschwanz und wrang ihn aus. Das Wasser rann ihre blonden Str&auml;hnen entlang. Es f&uuml;hlte sich beinahe so an, als w&auml;re sie gerade aus der Dusche gestiegen.</p> <p>&bdquo;Setz dich.&ldquo; Kasper &ouml;ffnete die T&uuml;r des Beifahrersitzes und schob einen Stapel Zeitschriften beiseite.</p> <p>Lotte stieg ein, klappte die Sonnenblende herunter und w&uuml;nschte sich im n&auml;chsten Augenblick, sie h&auml;tte es nicht getan. Die Person, die ihr aus dem Spiegel entgegensah, glich in keinster Weise der perfekt geschminkten Frau, die noch vor wenigen Minuten aus dem Zug gestiegen war. Ihr Lidstrich war verlaufen und die Wimperntusche rann seitlich die Wange hinab. Schnell wischte sie sich mit dem &Auml;rmel &uuml;ber das Gesicht und versuchte so, weiteren Schaden zu verhindern.</p> <p>&bdquo;Wird auch nicht besser&ldquo;, sagte sie leise und seufzte einmal mehr an diesem Tag. Sie klappte die Sonnenblende wieder hoch, setzte ihre Brille auf und &hellip; was stank hier eigentlich so? Sie atmete ein paar Mal kurz ein und h&auml;tte sich beinahe &uuml;bergeben. Es roch nach &hellip; Fisch. Zuerst dachte Lotte, unter dem Zeitschriftenstapel w&uuml;rde ein vergessenes Thunfischsandwich liegen. Sie stampfte mit dem Fu&szlig; auf den Boden, sp&uuml;rte allerdings nichts Weiches, was einem Sandwich gleichen k&ouml;nnte. Suchend sah sie sich um. Sie konnte beim besten Willen nicht die Ursache des Gestanks ausmachen. Der Geruch kam nicht von einer bestimmten Stelle, sondern erf&uuml;llte den ganzen Raum der Fahrerkabine.</p> <p>Die T&uuml;r zur Fahrerseite &ouml;ffnete sich und Kasper stieg ein. Er streifte die Kapuze ab und seine dunklen, verstrubbelten Haare kamen zum Vorschein. Fl&uuml;chtig sah er zu Lotte her&uuml;ber. Sie sa&szlig; auf dem Beifahrersitz und hatte die H&auml;nde unter ihre Oberschenkel gesteckt.</p> <p>&bdquo;Ist dir kalt?&ldquo;, fragte Kasper und startete den Wagen.</p> <p>Lotte nickte.</p> <p>&bdquo;Ich stell die Heizung an.&ldquo; Er drehte an den Kn&ouml;pfen der L&uuml;ftung und fuhr r&uuml;ckw&auml;rts aus der Parkl&uuml;cke. Im n&auml;chsten Moment pustete Lotte ein k&uuml;hler Luftstrom ins Gesicht, der nicht nur daf&uuml;r sorgte, dass sie zun&auml;chst noch mehr fror, sondern auch den unangenehmen Geruch weiter verteilte.</p> <p>Lotte r&uuml;mpfte die Nase. Der Fischgeruch war wirklich &uuml;berall.</p> <p>&bdquo;Ich wei&szlig;, es ist kein Porsche oder Ferrari, aber immerhin sitzt du im Trockenen&ldquo;, kommentierte Kasper die Geste seiner Beifahrerin und stellte das Radio laut. Schlaues Kerlchen, so musst du dich wenigstens nicht mit mir unterhalten, dachte Lotte.</p> <p>&bdquo;Wird gleich warm&ldquo;, murmelte er und konzentrierte sich dann auf den einsetzenden Feierabendverkehr.</p> <p>Lotte beobachtete Kasper aus dem Augenwinkel. Er war voll und ganz auf das Autofahren konzentriert und verzog keine Miene. Ab und zu summte er leise ein Lied aus dem Radio mit. Seine gro&szlig;en, maskulinen H&auml;nde lagen l&auml;ssig und entspannt auf dem Lenkrad. Er trug keinen Ring, aber das musste nichts hei&szlig;en. Ob er trotzdem eine Frau oder Freundin hatte? Lotte fragte sich, in welcher Beziehung er zu Tante Anni stand. Und woher um alles in der Welt dieser entsetzliche Fischgeruch kam.</p> <p>&bdquo;Woher kennst du Anni?&ldquo; Lotte sah aus dem Fenster. Sie steckten mitten im Feierabendverkehr. Die roten R&uuml;cklichter der Autos vor ihnen verschwammen hinter den Regentropfen, die sich auf der Frontscheibe gesammelt hatten. Auf dem B&uuml;rgersteig huschten Menschen in dicken Regenjacken und unter gro&szlig;en bunten Regenschirmen an ihnen vorbei.</p> <p>&bdquo;Sie ist eine Freundin&ldquo;, antwortete Kasper wie selbstverst&auml;ndlich und reihte sich in die Schlange auf der rechten Abbiegespur ein. &bdquo;Wir haben den Stau voll erwischt. Dauert ne Weile bis wir da durchkommen.&ldquo; Er fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten Haare.</p> <p>&bdquo;Und woher kennt ihr euch? Ich meine, ihr seid wohl kaum zusammen in die Tanzschule gegangen.&ldquo;</p> <p>Kasper sah sie mit einem breiten Grinsen an.</p> <p>&bdquo;Ist nicht wahr &hellip;&ldquo;, stammelte Lotte. Tante Anni und Kasper kannten sich aus der Tanzschule?</p> <p>&bdquo;Erwischt&ldquo;, lachte Kasper.</p> <p>&bdquo;H&auml;ltst dich wohl f&uuml;r einen Komiker, was?&ldquo; Lotte rollte mit den blauen Augen und sah wieder aus dem Fenster. Was f&uuml;r ein Spinner. Wie konnte Anni nur mit jemandem wie ihm befreundet sein? Vom Altersunterschied mal ganz abgesehen.</p> <p>&bdquo;Komm, sei nicht eingeschnappt. Das war doch nur ein Scherz&ldquo;, bem&uuml;hte sich Kasper um Wiedergutmachung. &bdquo;Wir sind Nachbarn. Seit ein paar Jahren hab ich au&szlig;erdem eine Fischbr&ouml;tchenbude neben ihrem Caf&eacute;.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du machst also in Fisch? Das erkl&auml;rt den &hellip;&ldquo;, Lotte biss sich auf die Zunge.</p> <p>&bdquo;&hellip; den Geruch?&ldquo;, Kasper lachte erneut. &bdquo;Tut mir leid. Ich hatte vorhin noch ne Auslieferung und hab&rsquo;s nicht mehr geschafft, durchzul&uuml;ften. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht &uuml;bel?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich bin nur froh, dass du nicht irgendwo ne Leiche im Auto versteckt hast.&ldquo; Lotte hielt sich demonstrativ die Nase zu.</p> <p>&bdquo;So schlimm?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Fisch ist nicht so mein Ding. Ich bin sehr empfindlich, was den Geruch angeht. Wahrscheinlich ist es f&uuml;r andere Leute gar nicht so schlimm.&ldquo; Gerade trieb eine weitere Duftwolke durchs Fahrerh&auml;uschen. Lotte &uuml;berlegte kurz, ob sie das Fenster &ouml;ffnen sollte.</p> <p>&bdquo;Du isst keinen Fisch?&ldquo; Ungl&auml;ubig starrte Kasper in Lottes Richtung.</p> <p>&bdquo;Nein&ldquo;, antwortete Lotte. &bdquo;Was ist so schlimm daran?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Hast du Fisch schon mal probiert?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Bei uns zu Hause wurde kein Fisch gegessen.&ldquo; Lotte hasste es, sich immer daf&uuml;r rechtfertigen zu m&uuml;ssen, dass sie &ndash; offenbar als einzige mit norddeutschen Wurzeln &ndash; keinen Fisch a&szlig;. Dabei war es gar nicht so ungew&ouml;hnlich. Schon ihre Mutter weigerte sich beharrlich, Fisch zu essen. Sie begr&uuml;ndete ihre Abneigung immer damit, dass sie als Kind dazu gezwungen worden war, jeden Morgen einen L&ouml;ffel Fischlebertran zu nehmen. Dieser Geschmack sei so pr&auml;gend gewesen, dass sie sich sp&auml;ter einfach nicht dazu &uuml;berwinden konnte, Fisch zu essen.</p> <p>&bdquo;Also hast du Fisch noch nie probiert?&ldquo; Kasper bohrte weiter.</p> <p>&bdquo;Der Geruch reicht mir.&ldquo; Lotte f&auml;chelte sich mit der Hand Luft zu. Mittlerweile hatte sie gro&szlig;e M&uuml;he, sich von dem Gestank, der ihre Nase umnebelte, nicht zu &uuml;bergeben.</p> <p>Kasper kurbelte das Fenster ein St&uuml;ck runter. &bdquo;Besser?&ldquo;</p> <p>Ein Hauch frischer Luft drang ins Wageninnere und vermischte sich mit der feucht-warmen Luft im Cockpit.</p> <p>&bdquo;Ja, danke.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du bist ganz blass um die Nase geworden. Ich dachte schon, du m&uuml;sstest dich &uuml;bergeben.&ldquo;</p> <p>Lotte l&auml;chelte gequ&auml;lt.</p> <p>Die Fahrt zu Annis Wohnhaus zog sich. Im Stau ging es nur langsam voran. Viel zu fr&uuml;h sprang, nach Lottes Empfinden, die gr&uuml;ne Ampel wieder auf Rot um. Nach einer gef&uuml;hlten Ewigkeit ging es f&uuml;r sie endlich weiter. Kasper bog nach rechts ab und fuhr weiter am Hafen entlang. Viele Segelschiffe hatten Lichterketten &uuml;ber die Toppen gezogen und sorgten f&uuml;r ein stimmungsvolles Bild.</p> <p>Nach weiteren f&uuml;nf Minuten Fahrzeit lenkte Kasper den Lieferwagen in eine Auffahrt und bremste abrupt.</p> <p>&bdquo;Wir sind da!&ldquo; Er stellte den Motor ab, kurbelte das Fenster hoch und stieg aus. Im R&uuml;ckspiegel sah Lotte, wie Kasper um den Wagen herumlief und kurz darauf die Beifahrert&uuml;r &ouml;ffnete.</p> <p>&bdquo;Bitte sehr, gn&auml;dige Frau&ldquo;, sagte er und l&auml;chelte. &bdquo;Du hast Gl&uuml;ck und kommst sogar trockenen Fu&szlig;es ins Haus. Es hat aufgeh&ouml;rt zu regnen.&ldquo;</p> <p>Wie um zu pr&uuml;fen, ob Kasper auch die Wahrheit sagte, streckte Lotte erst eine Hand aus der T&uuml;r. Als diese trocken blieb, schwang sie ihre Beine zur Seite und stieg aus.</p> <p>&bdquo;Es ist so dunkel. Ist meine Tante nicht zu Hause?&ldquo; Die gro&szlig;e blaue Villa lag nahezu in v&ouml;lliger Dunkelheit vor ihnen. Lediglich ein Teil der Au&szlig;enbeleuchtung brannte und warf ein schwaches, gelbliches Licht auf die Auffahrt und den schmalen Weg, der zum Haus f&uuml;hrte.</p> <p>&bdquo;Anni ist in der Reha und kommt erst im Laufe der Woche nach Hause.&ldquo; Kasper &ouml;ffnete die hintere Luke des Kofferraums und holte Lottes Trolley heraus. &bdquo;Hat sie das nicht erz&auml;hlt?&ldquo;</p> <p>Lotte dachte nach. M&ouml;glich, dass Tante Anni es ihr gesagt hatte. Aber sie hatte ihre Entscheidung, nach Flensburg zu kommen, so schnell gef&auml;llt, dass sie kaum eine M&ouml;glichkeit gehabt hatte, alle Informationen, die sie bekommen hatte, in ihrem Kopf zu speichern.</p> <p>&bdquo;Aber wie komme ich denn jetzt ins Haus?&ldquo; Lotte sah ihr Gegen&uuml;ber an und wirkte verzweifelt.</p> <p>&bdquo;Keine Panik. Anni hat mir ihren Schl&uuml;ssel gegeben.&ldquo; Kasper kramte in seiner Hosentasche und reichte Lotte den Schl&uuml;sselbund, an dem ein silbrig-gl&auml;nzender Katzenanh&auml;nger baumelte. &bdquo;Der gro&szlig;e Schl&uuml;ssel mit der roten Haube ist f&uuml;r das Caf&eacute;. Der kleine silberne Schl&uuml;ssel ist f&uuml;r die Wohnung&ldquo;, erkl&auml;rte er.</p> <p>&bdquo;Klein f&uuml;r die Wohnung, rot f&uuml;rs Caf&eacute;&ldquo;, wiederholte Lotte und seufzte. Irgendwie hatte sie sich ihre Ankunft in Flensburg anders vorgestellt. Sie hatte sich so sehr auf ihre Tante gefreut und sich ausgemalt, wie sie bei leckerem Essen und warmem Tee heute Abend zusammensitzen und &uuml;ber alte Zeiten plaudern w&uuml;rden. Doch daraus wurde jetzt nichts.</p> <p>Wenn Lotte in den Sommerferien bei Tante Anni zu Besuch war, hatten sie oft abends in der Stube beieinander gesessen und Erdbeer-Sahne-Tee mit Kluntjes getrunken. Sie hatten sich Kerzen angez&uuml;ndet und es sich vor dem Fernseher gem&uuml;tlich gemacht. Manch einem mochte es komisch vorkommen, im Sommer hei&szlig;en Tee zu trinken. Aber die Sommer in Flensburg konnten launisch sein, mal war es hei&szlig; und die Sonne schien wochenlang, mal zeigte sie sich kaum und es regnete. Und an diesen tr&uuml;ben Tagen schmeckte Erdbeer-Sahne-Tee zumindest nach Sommer.</p> <p>&bdquo;Ich werd dann mal. Danke f&uuml;rs Abholen.&ldquo; Lotte griff nach ihrem Trolleys und drehte sich zum Gehen um.</p> <p>&bdquo;Gern geschehen. Falls du was brauchst, meine Bude ist gleich nebenan.&ldquo; Kasper deutete auf eine H&uuml;tte links neben der Villa.</p> <p>&bdquo;Du schl&auml;fst in dieser Bretterbude?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein, das ist Annis Gartenh&auml;uschen. Ich schlafe in dem Haus neben der H&uuml;tte. Also, auf dem Nachbargrundst&uuml;ck. Es ist zwar nicht so eine gro&szlig;e Villa wie Annis Haus. Aber f&uuml;r mich reicht&rsquo;s. Warte ab, bis es morgen hell ist. Dann sieht alles anders aus.&ldquo; Kasper klatschte in die H&auml;nde, schloss die Beifahrert&uuml;r und den Kofferraum und stieg zur&uuml;ck in den Lieferwagen. Kurz bevor er losfuhr, kurbelte er noch einmal das Fenster herunter. &bdquo;Noch n sch&ouml;nen Abend. Schlaf gut.&ldquo;</p> <p>Mit einem gutm&uuml;tigen L&auml;cheln verabschiedete er sich, legte den R&uuml;ckw&auml;rtsgang ein und fuhr langsam die Auffahrt runter. Er bog nach links ab, gab kurz Gas und fuhr die n&auml;chste Einfahrt wieder hoch.</p> <p>&bdquo;Siehst du, quasi gleich nebenan&ldquo;, rief Kasper zu Lotte her&uuml;ber, nachdem er seinen Lieferwagen geparkt hatte und ausgestiegen war. Er winkte ihr noch einmal zu und verschwand im Haus.</p> <p>Lotte atmete durch. Langsam verdr&auml;ngte die frische Luft den penetranten Fischgeruch aus ihrer Nase. Sie spielte mit der silbernen Katze in ihrer Hand und &uuml;berlegte. Zum Caf&eacute; w&uuml;rde sie heute Abend nicht mehr fahren. Das konnte bis morgen warten. Wahrscheinlich war es eh l&auml;ngst geschlossen. Sie schnappte sich den Griff ihres Trolleys und stapfte den steilen Weg der Auffahrt hoch, bis sie vor der dunkelroten Eingangst&uuml;r stehen blieb. Sie steckte den kleinen Schl&uuml;ssel ins Schloss und drehte am messingfarbenen T&uuml;rknauf. Knarrend &ouml;ffnete sich die T&uuml;r.</p> <p>Im weitl&auml;ufigen Flur tastete sie rechts an der Wand nach dem Lichtschalter. Als sie ihn endlich fand, atmete sie erleichtert aus und schloss die T&uuml;r hinter sich. Sie hasste es, dunkle, fremde R&auml;ume zu betreten. Vom Flur aus gingen mehrere T&uuml;ren ab. In der Mitte der Diele f&uuml;hrte eine mahagonifarbene Holztreppe in die obere Etage zu den Schlaf- und G&auml;stezimmern sowie ins Bad.</p> <p>Lotte ging geradeaus ins Wohnzimmer. Im Vorbeigehen registrierte sie den gl&auml;nzenden Parkettboden, auf dem drei gro&szlig;e, buntgemusterte Perserteppiche lagen, zwei gro&szlig;e Fenster, durch die das Licht der Stra&szlig;enlaterne fiel, und verschiedene pl&uuml;schige M&ouml;belst&uuml;cke, die mit dunkelrotem und gr&uuml;nem Samt bezogen waren. Hier hatte sich nichts ver&auml;ndert. Sogar die Fotos, die einen Gro&szlig;teil von Lottes Familie zeigten, standen wie vor 15 Jahren noch am gleichen Platz. Sie sah ein Hochzeitsbild ihrer Gro&szlig;eltern, ein Foto, das Anni und Doris in feinen Kleidern zeigte, ein Bild von Lotte und ihrer Schwester, die eine Sandburg am Strand bauten. Und &hellip; ihr Blick fiel auf einen leeren Bilderrahmen, der abseits der anderen stand. Vermutlich hatte Anni ein Foto entfernt und vergessen, ein neues hineinzutun. Lotte zuckte mit den Achseln und ging weiter.</p> <p>&bdquo;Wenn mir die Erinnerung keinen Streich spielt, m&uuml;sste hier die K&uuml;che sein.&ldquo;</p> <p>Lotte &ouml;ffnete die T&uuml;r neben einer wuchtigen Vitrine aus dunklem Eichenholz. Volltreffer! Sie schaltete das Licht an und betrachtete die hellblauen Einbauschr&auml;nke, die in den 1960er Jahren modern gewesen waren. Sie konnte sich daran erinnern, dass ihre Eltern lange Zeit ein &auml;hnliches Modell im Haus gehabt hatten. Allerdings in Lindgr&uuml;n.</p> <p>Lotte ging zum K&uuml;chenschrank und suchte nach etwas Essbarem. Au&szlig;er Reis, Nudeln und einer Dose Erbsen und Wurzeln konnte sie jedoch nichts finden. Egal. Sie hatte einen B&auml;renhunger und keine Lust auf Pizzaservice. Sie holte einen Topf aus einer der Schubladen, f&uuml;llte ihn mit Wasser und setzte ihn auf. Morgen w&uuml;rde sie einkaufen, heute war sie daf&uuml;r einfach zu m&uuml;de.</p> <h2>Kapitel 2</h2> <p>Als Lotte am n&auml;chsten Morgen erwachte, war es noch nicht hell. Immerhin hatte der Regen aufgeh&ouml;rt. Zumindest h&auml;mmerte er nicht mehr gegen die Fenster. Die halbe Nacht hatte Lotte trotz bleiernder M&uuml;digkeit mit offenen Augen im Bett gelegen und den fremden Ger&auml;uschen um sie herum gelauscht. Dem Rauschen in den Heizungsrohren, dem brummenden K&uuml;hlschrankgenerator unten in der K&uuml;che und dem an die Scheiben klopfenden Regen, der einfach nicht enden wollte.</p> <p>Sie w&auml;lzte sich im Bett auf die Seite und warf einen Blick auf den Wecker. Es war erst sieben Uhr morgens! G&auml;hnend zog sie sich die Decke &uuml;ber den Kopf, schloss die Augen und versuchte, an etwas Sch&ouml;nes zu denken. Vielleicht w&uuml;rde es ihr nochmal gelingen wenigstens f&uuml;r ein St&uuml;ndchen einzuschlafen. Es n&uuml;tzte nichts. Sie war hellwach.</p> <p>Lotte drehte sich auf den R&uuml;cken und starrte an die Zimmerdecke, in deren Mitte eine s&uuml;ndhaft teure Poul Henningsen Lampe hing. War es tats&auml;chlich die PH5? Lotte legte den Kopf schr&auml;g. Sie erinnerte sich daran, wie Paul sich eben diese Lampe von ihr letztes Jahr zu Weihnachten gew&uuml;nscht hatte. In Orange. Sie wusste noch genau, wie sie im vergangenen November auf der Suche nach dieser Lampe durch die M&uuml;nchener Fu&szlig;g&auml;ngerzone geirrt war. Gefunden hatte sie sie letztlich in einem Online-Shop. Ihr ganzes Weihnachtsgeld war daf&uuml;r draufgegangen. H&auml;tte sie damals gewusst, was sie heute wusste, h&auml;tte sie bestimmt nicht &uuml;ber 700 Euro f&uuml;r eine Lampe ausgegeben!</p> <p>Lotte schloss die Augen. Sie hasste es, wenn ihre Gedanken zu kreisen begannen. Erinnerungen aus den vergangenen zwei Jahren, in denen sie versucht hatte, sich eine gemeinsame Zukunft mit Paul aufzubauen, schossen ihr durch den Kopf.</p> <p>Nein. Schluss! Lotte sch&uuml;ttelte sich heftig und &ouml;ffnete ruckartig die Augen. Sie wollte es auf keinen Fall zulassen, dass sich Paul zur&uuml;ck in ihre Gedanken k&auml;mpfte. F&uuml;r ihn gab es keinen Platz mehr.</p> <p>Stattdessen legte sie sich im Kopf eine To-Do-Liste f&uuml;r den heutigen Tag zurecht. Aufstehen. Duschen. Auspacken. Fr&uuml;hst&uuml;cken. Das Caf&eacute; besuchen. Einkaufen.</p> <p>Es gab jede Menge zu tun. Am besten sie w&uuml;rde gleich damit anfangen.</p> <p>Lotte schwang die Beine aus dem Bett. Die breiten Dielen des Holzbodens begr&uuml;&szlig;ten sie mit einem &auml;chzenden Knarren. Sie ging zum Fenster und riskierte einen Blick in die einsetzende Morgend&auml;mmerung. Es war zwar immer noch dunkel, aber sie konnte sehen, dass Kasper im Nachbarhaus bereits wach war. Im Obergeschoss brannte Licht. Lotte &ouml;ffnete das Fenster. Sofort f&uuml;llte sich der Raum mit kalter, frischer Luft. Sie streckte sich und atmete tief ein. Eine Weile blieb sie stehen und genoss die K&uuml;hle, die sie umschloss. Sie konnte sehen, wie Kasper sich hinter den Rollos bewegte. Sein Schatten war deutlich zu erkennen. War er etwa im Badezimmer? Lotte beobachtete, wie die Gestalt sich drehte, streckte und mit einem Handtuch &uuml;ber den Kopf wuschelte. Pl&ouml;tzlich schnellte das Rollo nach oben und Kasper stand, wie Gott ihn schuf, am Fenster. Lediglich ein graues Handtuch hatte er um seine H&uuml;ften geschwungen. Als er Lotte erblickte, hob er einen Arm, winkte ihr zu und l&auml;chelte. Peinlich ber&uuml;hrt dar&uuml;ber, dass er sie dabei erwischt hatte, wie sie ihn beobachtete, verschwand Lotte hinter der smaragdfarbenen Samtgardine. Konnte ein Morgen peinlicher beginnen?</p> <p>Lotte ging ins Badezimmer, schl&uuml;pfte aus ihrem Nachthemd und huschte unter die Dusche. Sofort lief das warme Wasser ihren nackten K&ouml;rper entlang und durchtr&auml;nkte ihre langen, blonden Haare. Sie drehte sich im Wasserstrahl und genoss wie das Wasser &uuml;ber ihren runden Busen und flachen Bauch lief. Mit geschlossenen Augen griff sie zum Shampoo, nahm einen kleinen Klecks davon und wusch sich die Haare. Mit sanften Bewegungen massierte sie ihre Kopfhaut, w&auml;hrend ihre Haare unter einer hellen Schaumhaube verschwanden. Dann griff sie zum Duschgel und seifte sich ein. Der zarte Geruch von Wasserlilien erinnerte sie an Zuhause.</p> <p>In M&uuml;nchen hatte Lotte in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der N&auml;he der Theresienwiese gewohnt. Eine Zeitlang hatte sie das zweite Zimmer untervermietet, wenn in M&uuml;nchen Oktoberfest war. So hatte sie ihr anfangs mageres Einstiegsgehalt bei &bdquo;Wolkentr&auml;ume&ldquo; aufgefrischt. Doch ihr Vater war strikt dagegen gewesen. Dies sei viel zu gef&auml;hrlich, hatte er geschimpft und Lotte stattdessen monatlich einen kleinen Betrag &uuml;berwiesen. Sp&auml;ter, als sie in der Gehaltsgruppe gestiegen war, hatte sie sich f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung ihrer Eltern bedankt und Doris und Maximilian einen Urlaub auf Rhodos spendiert. Das waren noch Zeiten &hellip;</p> <p>Sie stand weitere f&uuml;nf Minuten unter der Dusche und genoss, wie das Wasser &uuml;ber ihren K&ouml;rper str&ouml;mte. Sanft perlte es &uuml;ber ihre Haut. Lotte holte tief Luft und drehte den Wassertemperaturregler ruckartig auf kalt. Sie kreischte laut, als statt warmes pl&ouml;tzlich eiskaltes Wasser &uuml;ber sie pl&auml;tscherte. Jetzt war sie definitiv wach.</p> <p>Lotte stellte das Wasser ab, trat aus der Dusche und griff nach ihrem Handtuch. Sie h&uuml;llte sich in das flauschige Badetuch und wickelte ein kleineres Handtuch zu einem Turban um ihren Kopf. Sie ging zum Waschbecken und wischte den beschlagenen Badezimmerspiegel frei, als &hellip; Sie hielt inne. Waren das etwa Schritte? Um besser h&ouml;ren zu k&ouml;nnen, hob sie das Handtuch auf ihrem Kopf ein kleines St&uuml;ck an und lauschte. Ganz deutlich konnte sie h&ouml;ren, wie im Untergeschoss der Dielenboden knarrte. Einmal, zweimal &hellip; Das Knarrger&auml;usch kam n&auml;her. Oh Gott, ein Einbrecher! Sie konnte deutlich h&ouml;ren, wie jemand die Treppen hinaufging. Im ersten Augenblick verharrte Lotte wie gel&auml;hmt vor dem Spiegel. Dann griff sie zum n&auml;chstbesten Gegenstand, den sie finden konnte, und schlich zur T&uuml;r. Schritte n&auml;herten sich und wurden lauter. Lottes Herz klopfte unruhig in ihrer Brust. Sie zwang sich rational zu denken. Noch einmal knarzte eine Diele und die Schritte verstummten. Im Augenwinkel sah sie, wie die T&uuml;rklinke zum Badezimmer langsam nach unten gedr&uuml;ckt wurde. Lotte hielt den Atem an, bereit, den Einbrecher in die Flucht zu schlagen, als sich die T&uuml;r &ouml;ffnete.</p> <p>&bdquo;Lotte?&ldquo; Kasper steckte den Kopf zur T&uuml;r herein und konnte sich gerade noch rechtzeitig ducken, als Lotte zum Schlag ausholte. &bdquo;Stopp, Gnade. Lotte ich bin&rsquo;s.&ldquo; Er packte Lottes Arm und nahm ihr den Lockenstab aus der Hand.</p> <p>Sie zitterte am ganzen K&ouml;rper und brauchte eine Weile um zu kapieren, wer da vor ihr im Badezimmer stand.</p> <p>&bdquo;Kasper? Bist du irre?&ldquo;, schrie sie, als sie sich wieder gefangen hatte.</p> <p>&bdquo;Das gleiche k&ouml;nnte ich dich fragen. Immerhin wolltest du mich gerade mit einem Vibrator niederstrecken.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Lockenstab.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Wie bitte?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das ist ein Lockenstab und kein Vibrator.&ldquo; Lotte deutete auf den schmalen, pinken Stab, den Kasper zwischen seinem Daumen und Zeigefinger hielt.</p> <p>&bdquo;Auch gut&ldquo;, sagte er und legte den Stab auf die Anrichte neben der T&uuml;r.</p> <p>&bdquo;Was machst du hier?&ldquo; Lotte starrte Kasper mit gro&szlig;en Augen an. Sie war genervt. Und w&uuml;tend. Und unter ihrem Handtuch splitternackt. Instinktiv zog die das Badetuch enger um ihren K&ouml;rper und hielt es mit ihren H&auml;nden fest.</p> <p>&bdquo;Ich wollte fragen, ob du Lust auf Fr&uuml;hst&uuml;ck hast. Als ich vor dem Haus stand, hab ich einen lauten Schrei geh&ouml;rt &hellip;&ldquo; Kasper hielt inne, um sich zu versichern, dass Lotte seinen Ausf&uuml;hrungen folgte. &bdquo;Ich dachte, dir sei etwas passiert.&ldquo;</p> <p>Lotte dachte an den Schrei, den sie ausgesto&szlig;en hatte, nachdem sie die Dusche auf kalt gestellt hatte.</p> <p>&bdquo;Ich habe Wechselduschen gemacht, und das Wasser war k&auml;lter als angenommen.&ldquo; Sie verdrehte die Augen und wippte leicht mit dem Kopf, sodass der Handtuchturban in Schr&auml;glage geriet.</p> <p>&bdquo;Ach so.&ldquo; Kasper verstummte.</p> <p>&bdquo;Wie bist du &uuml;berhaupt hier reingekommen? Hast du die T&uuml;r eingetreten?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das musste ich gar nicht. Der Schl&uuml;ssel steckte noch im Schloss. Scheint, als h&auml;ttest du gestern vergessen, ihn mit reinzunehmen.&ldquo; Kasper konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.</p> <p>&bdquo;Oh.&ldquo; Lotte biss sich auf die Unterlippe. Wie peinlich war das denn?</p> <p>&bdquo;Ehrlich, Lotte. Das h&auml;tte auch schiefgehen k&ouml;nnen. Stell dir vor, jemand anderes h&auml;tte den Schl&uuml;ssel im Schloss entdeckt.&ldquo; Die kleine R&uuml;ge h&auml;tte er sich ruhig verkneifen k&ouml;nnen, dachte Lotte.</p> <p>&bdquo;Ich war doch bewaffnet.&ldquo; So recht Kasper auch hatte, Lotte wollte ihm diesen Triumph auf keinen Fall g&ouml;nnen.</p> <p>&bdquo;Mit einem Lockenstab?&ldquo; Er sah verwirrt aus.</p> <p>&bdquo;Es ist ja nichts passiert.&ldquo; Lotte zurrte den Turban auf ihrem Kopf zurecht. &bdquo;Es ist wirklich lieb von dir, dass du mich retten wolltest. Aber wie du siehst, es geht mir gut. Und wenn es dir nichts ausmacht, w&uuml;rde ich mich jetzt gerne weiter fertig machen. Mir wird kalt.&ldquo;</p> <p>Erst jetzt schien Kasper zu bemerken, dass Lotte lediglich in ein Handtuch geh&uuml;llt war. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf und starrte auf den Boden.</p> <p>&bdquo;Ja, klar. Nat&uuml;rlich. Bin schon weg.&ldquo; So schnell wie er gekommen war, drehte sich Kasper einmal um die eigene Achse und lief links den Flur in Richtung Treppenaufgang hinab.</p> <p>&bdquo;Kasper?&ldquo; Lotte trat aus der ge&ouml;ffneten Badezimmert&uuml;r in den Flur.</p> <p>&bdquo;Ja.&ldquo; Er blieb stehen und legte seine Hand auf das Treppengel&auml;nder.</p> <p>&bdquo;Hattest du nicht was von Fr&uuml;hst&uuml;ck gesagt?&ldquo; Sie l&auml;chelte und freute sich, als Kasper erleichtert nickte.</p> <p>&bdquo;Richtig.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich w&uuml;rde dein Angebot gerne annehmen. Tante Anni hat nur Nudeln und Reis im Haus. Die Erbsen und M&ouml;hren hab ich gestern Abend schon gegessen.&ldquo; Beim Gedanken an ihr ungew&ouml;hnliches Essen gestern Abend musste sie grinsen.</p> <p>&bdquo;Super. Wie lange brauchst du, bis du fertig bist?&ldquo; Er sah auf seine Uhr.</p> <p>&bdquo;Gib mir ne halbe Stunde.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Perfekt. Dann k&ouml;nnen wir in Annis Caf&eacute; fr&uuml;hst&uuml;cken. Treffen wir uns um halb neun auf der Auffahrt?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Gute Idee.&ldquo; Lotte steckte den Daumen in die H&ouml;he. &bdquo;Legst du den Schl&uuml;ssel bitte auf die Kommode im Flur?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Schon passiert.&ldquo; Kasper drehte sich um und ging die Treppe runter.</p> <p>&bdquo;Danke. Bis gleich&ldquo;, rief Lotte ihm hinterher und h&uuml;pfte zur&uuml;ck ins Bad.</p>

Erscheint lt. Verlag 26.6.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte feelgood romance • Friends to Lovers • Küstenliebesroman • Nordsee romance • Ostsee romance • Romantic Comedy • Strand • Urlaub
ISBN-10 3-69090-128-6 / 3690901286
ISBN-13 978-3-69090-128-4 / 9783690901284
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