Zum Hauptinhalt springen

Die Renaissance der Seidenstraße (eBook)

Der Weg des chinesischen Drachens ins Herz Europas
eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
256 Seiten
FinanzBuch Verlag
978-3-96092-253-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Renaissance der Seidenstraße -  Marcus Hernig
Systemvoraussetzungen
2,99 inkl. MwSt
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Wo einst endlose Kamelkarawanen den Mittelmeerraum mit Ostasien verbanden, entsteht heute das Megaprojekt der Volksrepublik China: die Neue Seidenstraße. Chinas Staatschef Xi Jinping will an die Größe Chinas zu Zeiten Marco Polos anknüpfen und investiert fast eine Billion Dollar in die neue Handelsroute von Shanghai nach Rotterdam. Es ist das größte Infrastrukturvorhaben seit dem Marshallplan. Doch nicht überall stößt Chinas Renaissance auf Begeisterung: Viele Länder entlang der Handelsrouten fühlen sich von der Machtdemonstration Chinas herausgefordert, und die EU fürchtet eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Zu Recht? In seinem neuen Buch berichtet Chinaexperte Marcus Hernig nicht nur von Chinas Vision der Rückkehr zu historischer Größe und der Angst vor der »Gelben Gefahr«, sondern auch davon, wie Europa auf die Renaissance der Seidenstraße reagieren muss - eine faszinierende Reise entlang der legendärsten Handelsroute der Welt.

Marcus Hernig, Jahrgang 1968, studierte Sinologie, Germanistik und Geschichte in Bochum und Nanjing. Er lebt seit 1992 in China und hatte mehrere Tätigkeiten in der chinesisch-deutschen Bildungs- und Kulturarbeit - beispielsweise als Beauftragter des deutschen Generalkonsulats in Shanghai für Bildungszusammenarbeit, deutsche Sprache und Literatur. Seit 2007 ist er als Seminarleiter, Berater und Autor tätig und leitet chinesisch-deutsche Programme für Unternehmen, in der Kreativwirtschaft sowie in Bildungseinrichtungen. Er hält eine Gastprofessur an der Tongji-Universität Shanghai und an der Zhejiang-Universität Hangzhou.

Marcus Hernig, Jahrgang 1968, studierte Sinologie, Germanistik und Geschichte in Bochum und Nanjing. Er lebt seit 1992 in China und hatte mehrere Tätigkeiten in der chinesisch-deutschen Bildungs- und Kulturarbeit – beispielsweise als Beauftragter des deutschen Generalkonsulats in Shanghai für Bildungszusammenarbeit, deutsche Sprache und Literatur. Seit 2007 ist er als Seminarleiter, Berater und Autor tätig und leitet chinesisch-deutsche Programme für Unternehmen, in der Kreativwirtschaft sowie in Bildungseinrichtungen. Er hält eine Gastprofessur an der Tongji-Universität Shanghai und an der Zhejiang-Universität Hangzhou.

KAPITEL 1
DER WIND WEHT VON OSTEN


Brennpunkt Neue Seidenstraße – Größenwahn oder große Chance?


Der Drache schnaubt laut mitten in Europa. Er macht dabei viel Wind, der uns ins Gesicht weht: Firmenkäufe, Touristenmassen und eine neue Politik namens Belt-and-Road-Initiative, kurz: BRI. Auch bekannt als Neue Seidenstraße. Das ist der lange Schwanz des Untiers. Bis zurück nach China reicht er. Sein Schwanz ist gegabelt, denn es sind zwei Systeme von Wegen nach China, insgesamt deutlich länger als der halbe Erdumfang.

Während die Nasenspitze des Drachens in Rotterdam liegt und neuen Wind Richtung England bläst, windet sich der Gabelschwanz über Land und durch die Meere. Der eine Teil davon wühlt den Sand der eurasischen Steppe auf, der andere peitscht durch den Indischen Ozean.

Abbildung 1: Die zwei Systeme der Belt-and-Road-Initiative (BRI)

Doch der Drache ist nicht irgendein Tier. Er ist ein Fabelwesen und daher unheimlich, phantastisch. Zudem schätzen ihn West und Ost sehr unterschiedlich ein: In China symbolisiert die Kreatur das Männliche, Starke, den Herrscher. Sie verkündet das neue Jahr und damit pulsierendes Leben. In Deutschland sieht das anders aus: Im Mittelalter glaubte man fest daran, dass Drachen existierten und die Menschen bedrohten. Das machte diese Epoche noch etwas finsterer. Die Angst vor China, dem Untier in Drachengestalt, ist noch immer da – nicht zuletzt, weil der heutige Lindwurm kein europäisches Geschöpf mehr ist. Skeptische Fragen kommen auf, etwa diese:

Wie sehen die Chinesen die Welt, und was haben sie mit ihr vor?

Was bezweckt China mit diesem »Drachenschwanz«, der Neuen Seidenstraße?

Ist die Neue Seidenstraße eine Form des neuen Imperialismus aus dem Reich der Mitte in Asien und weltweit?

Unterwandert China so die Demokratie hierzulande?

Werden unsere Nachbarn im Osten mit chinesischen Krediten abhängig gemacht?

Wird China mit seiner aggressiven Globalstrategie einen Krieg provozieren?

Welche Fehler haben wir in Europa gemacht, dass es so weit kommen konnte?

Welche unserer Fehler haben die Chinesen als solche erkannt und nutzen sie möglicherweise für sich?

Wie können Deutsche und Europäer mit dem chinesischen Drachen klarkommen? Können wir ihn reiten?

Was haben wir selbst zu bieten?

Wie sieht unsere Zukunft aus?

Widmen wir uns zunächst der ersten Frage, die eine doppelte ist: Wie sehen die Chinesen die Welt, und was haben sie mit ihr vor? Um Antworten zu finden, müssen wir reisen. Nach Astana in Kasachstan. In das Auditorium einer Hochschule. Dort stehen zwei rote und zwei blaue Flaggen ordentlich über Kreuz vor einer Leinwand. Darüber eine goldene Aufschrift: Nazarbayev University. Davor ein Podium mit vier Sitzplätzen. Der zweite Sessel von links ist frei. Der Mann, der soeben noch darauf saß, geht gemessenen Schrittes zu einem Rednerpult, das links daneben steht. Alles ist aus dunklem Holz und könnte auch das Auditorium einer beliebigen US-amerikanischen Universität sein, wären da nicht die beiden Flaggen und der Name »Nazarbayev«.

Nursultan Nazarbayev, Jahrgang 1940, regiert seit 1990 dieses Land. Die Stadt heißt Astana, doch im Grunde müsste sie »Nazarpolis« heißen. Astana ist das Werk des Staatsführers, eine Retortenhauptstadt, die in nur zwei Jahrzehnten aus der Steppe emporgehoben wurde. Nazarbayev ist jemand, der niemanden über oder neben sich duldet. Doch jetzt schweigt der kasachische »Führer der Nation (ult lideri)« und versucht, sich auf den Redner zu konzentrieren.

»Verehrter Herr Präsident ...«, beginnt der Mann in schwarzem Maßanzug und mit blauer Krawatte seine Rede in chinesischer Sprache.1 Die Form ist gewahrt, der 13 Jahre ältere Führer der Nation nickt. Über die ergrauten Züge des Machthabers huscht ein leichtes Lächeln. Er trägt einen Kopfhörer, um die Worte des Redners zu verstehen, denn Chinesisch beherrscht er offenbar nicht. Der Mann im Maßanzug redet weiter. Er nennt einen Namen: Zhang Qian, ein Landsmann, der vor 2100 Jahren lebte und bereits die »Seidenstraße erschlossen« haben soll. Der Redner wird sentimental, wechselt ins Persönliche. Bilder von Kamelkarawanen ziehen an seinem geistigen Auge vorüber, so real, dass er »sogar das Läuten von Kamelglocken zwischen den Bergen« höre und »aus der Wüste, welche die Karawane durchzieht, Rauch kräuselnd in Schwaden aufsteigen« sehe. Für Sekunden hält er inne, kräuselt die Nase – so als röche er den Rauch.

»Ich stamme vom Anfangspunkt dieser Straße«, sagt er, »aus der chinesischen Provinz Shaanxi. Kasachstan ist ein Land, durch das die Seidenstraße zieht.« Er sei »vertraut und verbunden« mit dem Land seines Gastgebers, das er als »nahen Nachbarn« bezeichnet. Dann folgen weitere Bilder aus ferner Zeit: Er sehe »einen unaufhaltsamen Strom von Gesandten, von Händlern, Reisenden, Gelehrten, Handwerkern aus Ost und West«, ein »gegenseitiges Geben und Nehmen«, er fühle den damaligen »Austausch und das gegenseitige Lernen, was gemeinsam zum Fortschritt der Menschheit beitrug«. Geschichte wird lebendig, indem Xi Jinping sie zitiert.

Der Mann am Rednerpult, Staatspräsident der Volksrepublik China, fixiert sein Publikum. Er fährt fort: »Seit über 20 Jahren hat die Alte Seidenstraße durch die rasche Entwicklung der Beziehungen zwischen China und den Staaten Eurasiens Tag für Tag neue Vitalität, neue Lebenskraft gewonnen, und gegenwärtig bietet sich China und den Seidenstraßenländern eine einmalige Chance, einen neuen Wirtschaftsgürtel entlang dieser alten Route aufzubauen.«

»Wirtschaftsgürtel« und »Seidenstraße«. Daraus prägt Xi Jinping einen neuen Begriff: yi dai – yi lu, wörtlich »ein Gürtel – eine Straße«. »Zusammenarbeit« (hezuo) lautet sein Credo, und »Zusammenarbeit soll im Politischen stattfinden, wo wir gemeinsam nach Wegen und Strategien zur wirtschaftlichen Entwicklung suchen wollen«. Suchen westliche Denker und Strategen gern nach dem Trennenden, das die Zusammenarbeit einschränken könnte, so folgt Xi dem Prinzip des »Gemeinsamkeiten-Suchens«. »Nicht von der Maas bis an die Memel« – das wäre viel zu kleinteilig und zu wenig ambitioniert – reichen die künftigen Verkehrsverbindungen. Sie sollen dagegen »den Pazifik mit der Ostsee verbinden«.

Der Redner macht eine Kunstpause, eine genüssliche Handbewegung, bevor er den wichtigen dritten Punkt des neuen Seidenstraßenzeitalters nennt – den freien Handel: »Möglichkeiten für drei Milliarden Menschen entlang des Seidenstraßengürtels«, eine einzigartige Chance ökonomischer Vernetzung und Beseitigung der Tarifschranken zwischen den Seidenstraßenökonomien. Diese im Einklang damit, dass eine »beschleunigte Geldzirkulation« so wie die bereits verbesserten Bedingungen zwischen China und Russland den Handel entlang der Routen noch stärker befeuern mögen. »Ja, und am Ende«, so schließt Chinas Präsident, »soll dann die Annäherung der Herzen aller Völker des Seidenstraßengürtels stehen.«

Gefühle am Ende einer Rede. Gefühle für Großes. Die Zukunft glänzt in den Augen des Redners. Unter dem Pathos seiner Wortwahl wird klar, dass dieser Mann mit der Seidenstraße einen Baustein von Jahrhundertformat auf die Baustelle politischer Gestaltung des 21. Jahrhunderts gehievt hat. Dieser Baustein ist Teil eines Arsenals von Baumaterialien, die unter dem Sammelbegriff »Wiedergeburt« oder »Renaissance« für Größe stehen.

Das chinesische Wort dafür lautet fuxing. Fuxing steht daher auch als Motto auf jedem neuen Hochgeschwindigkeitszug, der seit dem 25. Juni 2017 ausgeliefert wird. Mit kommerziell nutzbaren Spitzengeschwindigkeiten von 350 km/h übertrifft er den deutschen ICE 3. Züge dieser Art symbolisieren Chinas Drang in die Welt. Die chinesische Führung würde es begrüßen, wenn sie bald in ganz Eurasien unterwegs wären.2 Fuxing mit modernster Technik, fuxing als Auferstehung bewährter Außenpolitik, die China schon um die Zeit Christi Geburt mit dem römischen Kaiserreich in Verbindung brachte.

Der Mann am Rednerpult spricht es nicht offen aus, doch er meint es: In Wahrheit geht es um die Verknüpfung Chinas mit Europa. Die eurasischen Brückenländer sind Quellen noch längst nicht ausgeschöpfter Bodenschätze, Partner...

Erscheint lt. Verlag 10.9.2018
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Politik / Gesellschaft
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte alte Seidenstraße • Asien • Buch • China • Debattenbuch • Drache • Eurasia • FBV • Finanzbuch • FinanzBuch Verlag • Gelbe Gefahr • Geschichte • Handelsroute • Handelsweg • Infrastrukturprojekt • Infrastrukturvorhaben • Kultur • Machtdemonstration • MegaProjekt • Naher und Mittlerer Osten • Neuerscheinung • Neue Seidenstraße • Orient und Okzident • Peter Frankopan • Politik • Reich der Mitte • Religion • Seidenstraße • The Silk Road • Verbindung • Vision • Volksrepublik China • Welthandel • Wirtschaft • Xi Jinping • Zwei Welten
ISBN-10 3-96092-253-1 / 3960922531
ISBN-13 978-3-96092-253-7 / 9783960922537
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Ohne DRM)

Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopier­schutz. Eine Weiter­gabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persön­lichen Nutzung erwerben.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Mit Beiträgen von Christian Baron, Dietmar Dath, Aladin El-Mafaalani, …

von Wolfgang M. Schmitt; Ann-Kristin Tlusty

eBook Download (2024)
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
16,99
Die großen Fragen ethisch entscheiden

von Alena Buyx

eBook Download (2025)
Fischer E-Books (Verlag)
19,99
Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit

von Frauke Rostalski

eBook Download (2024)
C.H.Beck (Verlag)
11,99